Zu viele Pillen werden verordnet

Viele ältere Menschen nehmen zu viele Medikamente ein. (Foto: Tatjana Balzer / Fotolia)
Viele ältere Menschen nehmen zu viele Medikamente ein. (Foto: Tatjana Balzer / Fotolia)

(dbp/spo) Fast ein Drittel aller Medikamente werden verschrieben, ohne dass ihr Nutzen wissenschaftlich begründet ist.

Zu diesem Ergebnis kommen Forscher des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Witten/Herdecke.

Die Wissenschaftler um Professor Dr. Andreas Sönnichsen hatten 169 Patienten aus 22 allgemeinmedizinischen Praxen untersucht, denen im Durchschnitt neun verschiedene Medikamente pro Tag verordnet wurden. Keine wissenschaftliche Begründung (Evidenz) für die Verschreibung fanden sie im Mittel bei 2,7 Medikamenten pro Patient. Bei rund 90 Prozent der Teilnehmer gab es mindestens eine unbegründete Verschreibung.

Darüber hinaus kam es auch zu Fehlern. So wurden bei 37 Prozent der über 65 Jahre alten Patienten Medikamente verordnet, die bei alten Menschen gar nicht angewandt werden sollten. Dosierungsfehler fielen den Forschern bei 56 Prozent der Patienten auf. Das alles kann Folgen haben: von unerwünschten Nebenwirkungen, Wechselwirkungen zwischen einzelnen Wirkstoffen, bis hin zum unnötigen Krankenhausaufenthalt.

Hausärzte überfordert?

Kommen Patienten mit einer langen Liste empfohlener Medikation aus dem Krankenhaus oder von Fachärzten zurück in die Hausarztpraxis, fühlten sich die Hausärzte teils überfordert, sagt Professor Sönnichsen: „Wie sollen sie die langen Listen kritisch durchforsten? Wie sollen sie entscheiden, welches Medikament wirklich erforderlich ist?“

An der Universität Witten/Herdecke gibt es nun ein europaweites Forschungsprojekt, bei dem eine elektronische Entscheidungshilfe die Ärzte testweise unterstützen soll. Sie soll unter Berücksichtigung von Diagnosen, Laborwerten und Begleiterkrankungen Hinweise zu entbehrlichen oder gar schädlichen Medikamenten geben. Das Projekt läuft noch bis 2016.