Wenn Medikamente dement machen

Nebenwirkung Demenz? So steht das sicher auf keinem Beipackzettel. Doch das Risiko steigt mit der Zahl der verordneten Medikamente. (Foto: Dietmar Gust / ABDA)
Nebenwirkung Demenz? So steht das sicher auf keinem Beipackzettel. Doch das Risiko steigt mit der Zahl der verordneten Medikamente. (Foto: Dietmar Gust / ABDA)

Fehldiagnose Demenz als Folge von Arzneimittelnebenwirkungen

(dbp/auh) Es gibt mehr als 50 verschiedene Demenzerkrankungen, wie das Bundesfamilienministerium in seinem „Wegweiser Demenz“ erläutert. Noch zu wenig im Bewusstsein ist die Existenz der sogenannten Pseudodemenz: eine Demenz, die gar keine ist, aber dieselben Symptome hervorruft. Pseudodemenz ist heilbar – vorausgesetzt, ihre wahren Ursachen werden erkannt und abgestellt.

Risiken der Polymedikation im Alter

Eine Form der Pseudodemenz wird von unerwünschten Nebenwirkungen bestimmter Medikamente hervorgerufen. Es ist anzunehmen, dass diese arzneimittelinduzierte Pseudodemenz bei älteren Menschen, die viele verschiedene Medikamente einnehmen, relativ häufig vorkommt. Denn es sind gerade solche Arzneimittel, die bei typischen Alterserkrankungen eingesetzt werden, die zu Verwirrtheit, Gedächtnisschwäche und Harninkontinenz führen können. Dazu gehören Blutdrucksenker, Entwässerungsmittel, Parkinsonmedikamente, Schlaftabletten, Herzpräparate, Psychopharmaka und Antidepressiva.

Einige dieser Arzneimittel enthalten Wirkstoffe mit einer „anticholinergen“ Wirkung, das heißt sie führen zu einem Mangel an Acetylcholin, einem wichtigen Botenstoff. Diese Nebenwirkung verstärkt sich übrigens bei der Einnahme mehrerer solcher Medikamente. Wenn man bedenkt, dass der Organismus im Alter sehr viel sensibler auf Arzneimittel reagiert als in jungen Jahren, wird klar, welche Risiken die Polymedikation mit sich bringt.

Die Fallgeschichte von Frau B.

Werden die auf Demenz hinweisenden Symptome nicht als Arzneimittelnebenwirkung erkannt, liegt es nahe, dass zur Verbesserung des geistigen Zustands noch ein weiteres Medikament verordnet wird. Genau das passierte Frau B. Ihre Geschichte ist typisch, denn alles begann mit einem Sturz.

Zu diesem Zeitpunkt nahm Frau B. zwölf verschiedene, vom Arzt verordnete Medikamente ein, unter anderem Betablocker, Blutdrucksenker, Schmerzmittel, Blutverdünner und Hormonpräparate. Nach dem Sturz litt Frau B. unter Gedächtnisschwund und verlor ihre zeitliche und räumliche Orientierungsfähigkeit. Für die Ärzte in der Rehaklinik, die Frau B. nicht anders kannten, war die Diagnose klar: Demenz.

Die Tochter jedoch suchte nach einer anderen Erklärung für den rapiden geistigen und körperlichen Verfall ihrer Mutter. Sie suchte einen Apotheker mit dem Spezialgebiet Geriatrische Pharmazie auf und legte ihm die Liste der Arzneimittel vor, die ihre Mutter einnahm.

Die Geriatrische Pharmazie kann helfen

Geriatrisch-pharmazeutisch tätige Apotheker „erfassen, analysieren, lösen und verhindern arzneimittelbezogene Probleme“, beschreibt die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände dieses Spezialgebiet. Mit Hilfe des Experten, der in enger Absprache mit den behandelnden Ärzten die Medikation von Frau B. untersuchte, konnten acht der zwölf Arzneimittel ausgeschlichen, das heißt langsam abgesetzt werden.

Das Ergebnis beschreibt die Tochter ein Jahr nach dem Sturz so: „Meine Mutter steht wieder voll im Leben. Sie geht zum Sport, spielt Doppelkopf, fährt Auto, hält sich an Termine, erinnert sich auch an Dinge, die im Kurzzeitgedächtnis gespeichert werden müssen und ist von sich aus wieder aktiv im Kontakt mit Freunden und Verwandten.“