Wenn die Seele das Gleichgewicht verliert

Schon beim Anblick eines Kettenkarussells wird manchen Menschen schwindelig. Schwindelattacken können ihre Ursachen in unbearbeiteten Ängsten haben. (Foto: lagom/ Fotolia)
Schon beim Anblick eines Kettenkarussells wird manchen Menschen schwindelig. Schwindelattacken können ihre Ursachen in unbearbeiteten Ängsten haben. (Foto: lagom/ Fotolia)

Auch psychischer Stress kann der Auslöser für Schwindelanfälle sein

(dbp/wgt) Schwindelattacken müssen keineswegs immer körperliche Ursachen haben. Häufig stecken seelische Nöte dahinter. Depressionen, Ängste, traumatische Erlebnisse und berufliche oder partnerschaftliche Konflikte können das Leben der Betroffenen im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Gleichgewicht bringen. Experten sprechen dann von „somatoformen“ Schwindelerkrankungen. Sie gelten nach dem gutartigen Lagerungsschwindel als zweithäufigste Form des Schwindels.

Der Begriff „somatoform“ setzt sich aus dem griechischen Soma und dem lateinischen Forma zusammen. Grob übersetzt: Sieht so aus wie eine körperliche Erkrankung, ist aber keine. Oft tritt diese Schwindelstörung in Gestalt des „phobischen Schwankschwindels“ auf. Er ist in der Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen die am weitesten verbreitete Schwindelerkrankung und geht mit Benommenheitsgefühlen, Unsicherheit beim Stehen und Gehen sowie der Angst zu fallen einher. Nicht selten kommen auch Symptome wie Herzrasen, Schweißausbrüche oder Übelkeit hinzu.

Ängste bringen die Welt ins Wanken

Der phobische Schwankschwindel ist die Folge einer Angsterkrankung (Phobie). Die Symptome treten deshalb besonders in Situationen auf, die für die Patienten mit Ängsten besetzt sind. Das können enge Räume sein, wie etwa Aufzüge, aber auch große freie Plätze. Häufig lösen größere Menschenansammlungen die Schwindelanfälle aus, mitunter genügt jedoch schon die Schlange an der Kasse.

Wie alle Schwindelerkrankungen führen auch die psychisch bedingten sowohl im Beruf als auch im Privatleben zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität. Patienten mit somatoformen Störungen leiden jedoch häufig zusätzlich darunter, dass die seelischen Auslöser ihrer Erkrankung nicht oder erst nach einer langen Odyssee von Arzt zu Arzt erkannt werden. Können bei der ärztlichen Untersuchung keine körperlichen Ursachen festgestellt werden, bleiben die Betroffenen, die sich meist seelisch gesund fühlen, oft sich selbst überlassen.

Gute Therapiechancen bei rechtzeitiger Diagnose

Rechtzeitig erkannt, lassen sich Erkrankungen wie der phobische Schwankschwindel jedoch relativ gut behandeln. Voraussetzung dafür ist eine gründliche psychosomatische Untersuchung, wie sie etwa in spezialisierten Schwindelzentren angeboten wird. Gelegentlich hilft es den Patienten bereits, die angstbedingten Mechanismen zu kennen, um im Alltag besser zurecht zu kommen. In der Regel werden erfahrene Ärzte aber eine mehrstufige Behandlung mit Krankengymnastik, Entspannungstraining sowie Verhaltens- oder Psychotherapie empfehlen. Der Psychotherapie kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Gemeinsam mit dem Patienten sucht der Psychotherapeut nach den zugrunde liegenden psychischen und sozialen Auslösern der Schwindelattacken. Sind bei den Schwindelanfällen Depressionen im Spiel, können bei der Behandlung ergänzend auch Antidepressiva zum Einsatz kommen.

Mittlerweile hat man allerdings erkannt, dass die psychisch bedingten Schwindelanfälle bei vielen der Betroffenen als Folge einer organischen Schwindelerkrankung auftreten. So hat sich gezeigt, dass Menschen, die zunächst an einer Schwindelmigräne leiden, im weiteren Verlauf der Erkrankung häufig auch einen somatoformen Schwindel entwickeln. Das Gleiche gilt für Patienten mit Morbus Menière, einer Erkrankung des Innenohrs, die mit Schwindel, Hörstürzen und Ohrensausen einhergeht.