Wenn das Krankenhaus für Verwirrung sorgt

Orientierungslosigkeit, Gedächtnisprobleme, ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus: Haben ältere Menschen nach einer Operation solche Symptome, spricht das für ein postoperatives Delir. (Foto: Photographee.eu / Fotolia)
Orientierungslosigkeit, Gedächtnisprobleme, ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus: Haben ältere Menschen nach einer Operation solche Symptome, spricht das für ein postoperatives Delir. (Foto: Photographee.eu / Fotolia)

Viele ältere Patienten fallen nach einer Operation ins sogenannte Delir.

(dbp/spo) Eigentlich soll eine Operation helfen, etwas zu heilen, Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Doch gerade bei älteren Menschen passiert oft das Gegenteil. Nach einer Operation sind sie teils nicht mehr dieselben, liegen apathisch im Bett, sind verwirrt und erkennen ihre eigene Familie nicht mehr. Post- oder perioperatives Delir nennen Fachleute dieses Phänomen.

Etwa die Hälfte der über 65-Jährigen, die im Krankenhaus behandelt werden, sind betroffen, sagt Professor Dr. Peter Berlit, Chefarzt an der Klinik für Neurologie des Alfried Krupp Krankenhauses in Essen. Vor allem nach größeren Operationen unter Vollnarkose kommt es oft zu den typischen Symptomen: Das Gedächtnis, die Orientierung und der Schlaf-Wach-Rhythmus sind gestört, teils haben die Patienten Halluzinationen und Wahnvorstellungen und schwitzen stark. Puls und Blutdruck schnellen nach oben, was aus einem Delir eine potenziell lebensgefährliche Situation machen kann. Vor allem, wenn Vorerkrankungen bestehen.

Viele liegen apathisch im Bett

Das Delir (früher auch: Durchgangssyndrom) kann schon direkt nach einer Operation auftreten, aber auch erst Stunden oder sogar Tage später. Zwei Varianten sind möglich: Die einen Patienten sind hyperaktiv, aggressiv, reißen sich Schläuche ab und wollen nach Hause. „Der größte Teil liegt aber apathisch im Bett“, sagt Dr. Eric Hilf, Chefarzt und Geriater am Sana Klinikum in Berlin-Lichtenberg. Das sei weit gefährlicher, weil das Delir dann oft nicht erkannt und so auch nicht behandelt wird.

Besonders gefährdet sind Demenzpatienten. Für sie können teilweise schon die ungewohnte Umgebung und die fremden Gesichter in der Klinik Auslöser für akute Verwirrtheitszustände sein. „Häufig kommt durch das Delir aber auch erst heraus, dass eigentlich eine Demenz vorliegt“, erklärt Dr. Hilf. Denn gerade im Anfangsstadium fällt eine Demenz zuhause vielen gar nicht auf. Trifft der Patient aber auf den richtigen Auslöser, kommt die Krankheit ans Licht – und kann sich durch das Delir sogar verschlechtern, sagt Professor Berlit.

Risikofaktor Flüssigkeitsmangel

Meist entsteht das Durchgangssyndrom durch ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren. Ist bei älteren Patienten die Hirnleistung schon eingeschränkt, reicht laut Professor Berlit manchmal schon die Gabe von Beruhigungsmitteln (Sedativa), ein Infekt oder eine ungünstige Kombination verschiedener Medikamente. Oder aber ein Flüssigkeitsmangel. Letzterer ist ein häufiger Auslöser, denn alte Menschen haben in der Regel weniger Durst und trinken weniger. Nehmen sie zusätzlich Medikamente mit entwässernder Wirkung ein, wird die Situation noch verschärft.

Je nach Ursache kann ein Delir unterschiedlich behandelt und teils geheilt werden. Verbirgt sich dahinter jedoch eine beginnende Demenz, bleibt es oft bei einer kognitiven Verschlechterung.

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Quellenangaben:
Kratz, Torsten, Heinrich, Manuel, Schlauß, Eckehard, Diefenbacher, Albert: „Prävention des postoperativen Delirs“, in: Deutsches Ärzteblatt Int 2015; 112; 289-96; Online-Informationen der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und –psychotherapie (DGGPP, www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de, Stand: Juni 2015); Hibbeler, Birgit: „Stationäre Behandlung: Der alte Patient wird zum Normalfall“, in: Deutsches Ärzteblatt 2013; 110 (21): A-1036; Lorenzi, Stefan; Füsgen, Ingo; Noachtar, Soheyl: „Verwirrtheitszustände im Alter: Diagnostik und Therapie“, in: Deutsches Ärzteblatt Int 2012; 109 (21): 391-400; Singler, Boris: „Das Postoperative Delir“, in: Geriatrie Journal 2/2010; Informationen von Dr. Eric Hilf, Chefarzt Klinik für Innere Medizin, Sana Klinikum Lichtenberg; Informationen von Professor Dr. Peter Berlit, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Alfried Krupp Krankenhaus Essen (September 2015)