Wenn das Köpfchen immer schief steht

Wenn Babys nicht aufhören zu schreien, sind Eltern ratlos. (Foto: Mitarart / Fotolia)
Wenn Babys nicht aufhören zu schreien, sind Eltern ratlos. (Foto: Mitarart / Fotolia)

KiSS-Syndrom: Die Symptome sind real, aber als eigenständiges Krankheitsbild umstritten

(dbp/mhk) Wenn das Baby nicht aufhört zu schreien und das Köpfchen oder der Hals schief steht, könnte es sich dann um das KiSS-Syndrom handeln? Die „Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung“, zu der auch weitere Symptome wie eine durchgebogene Wirbelsäule und Ungleichheiten im Gesicht zählen können, ist als Krankheitsbild umstritten. Der Kölner Chirurg und Chirotherapeut Dr. med. Heiner Biedermann gilt als Entdecker dieses Syndroms. Mit „Kopfgelenk“ gemeint sind erster und zweiter Halswirbel, die Gelenke dazwischen sowie die Gelenkverbindung zur Schädelbasis – wichtig für Raumwahrnehmung, Bewegung und Gleichgewicht. Kritiker halten das KiSS-Syndrom für eine Modediagnose oder sogar für eine Erfindung und bemängeln das Fehlen von Studien.

Schnelle Heilung

Viele Eltern hingegen sind erleichtert, wenn das Leiden ihrer Kleinen einen Namen bekommt und behandelt wird. Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft KiSS, ein Zusammenschluss betroffener Eltern, leiden mehr als die Hälfte aller Säuglinge darunter. Mögliche Folgen seien Konzentrations-, Koordinations-, Sprachentwicklungs- und Schlafstörungen, Lernschwächen oder Verhaltensauffälligkeiten. Die KiSS-Therapie sei risikoarm, wenig aufwendig und kostengünstig. In vielen Fällen reiche eine einmalige Behandlung, mit manueller Therapie nach Biedermann/Gutmann oder Atlastherapie nach Arlen: Die Blockade wird einfach weggedrückt.

„Es gibt kein KiSS-Syndrom“

Viele Schulmediziner halten KiSS hingegen für „groben Unfug“. Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Behandlungskosten in der Regel nicht. Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) äußert sich kritisch. Der Berliner Kinderarzt Dr. Ulrich Fegeler, Bundespressesprecher des BVKJ, sagt: „Es gibt kein KiSS-Syndrom.“

„Symptome sind nicht selten“

„Solche Haltungsanomalien, ‚Schräglagedeformitäten‘ inklusive Rumpfneigungen zur Seite, die schlimmstenfalls sogar auch eine Hüftdysplasie mit einbeziehen können, sind durchaus nicht selten“, sagt Professor Dr. Thomas Wirth, Facharzt für Orthopädie. Das Phänomen existiere, nur werden dafür andere Begriffe benutzt: asymmetrische zentrale Koordinationsstörung, Säuglingsskoliose, chronischer Torticollis, Siebener Syndrom, idiopathische Säuglingsasymmetrie und weitere mehr.

„Die Bezeichnung KiSS ist geschickt gewählt und exzellent vermarktet. Gerade Eltern von Schreibabys sind eher geneigt, an die Existenz zu glauben, da die Kinder nach der Behandlung sicher entspannter sind.“ Die Asymmetrieproblematik im Kopf- und Rumpfbereich sei jedoch hausgemacht, da man die Bauchlage bei Säuglingen wegen des plötzlichen Kindstods nicht mehr empfiehlt. Manualtherapie täte Kindern gut, aber nur als eine mögliche und nicht als die Therapie schlechthin.

„Er ist falsch, lapidar jegliche Begleitsymptome in einen „KiSS-Topf“ zu werfen“. Warum mangels Behandlung Entwicklungsstörungen bis ins Schulalter drohen, hält er für unverständlich. Andere Krankheiten müssen ausgeschlossen werden. Sein Tipp: „Die Schiefhaltung verwächst sich meist spontan. Eltern helfen ihren Kindern, wenn sie die „schwache Seite trainieren“, sie hin und wieder auf Bauch oder Seite legen.“ Notfalls wirke klassische Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage, physikalische Therapie oder auch medikamentöse Behandlung.

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Telefoninterview mit Dr. Ulrich Fegeler, Arzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Berlin Bundespressesprecher des BVKJ e.V. Telefoninterview mit Prof. Thomas Wirth, Facharzt für Orthopädie, Ärztlicher Direktor, Olgahospital Orthopädische Klinik, Stuttgart Heiner Biedermann: Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörungen bei Kleinkindern. der kinderarzt 1991; 22:1475-1482; Heiner Biedermann, KISS-Kinder: Ursachen, (Spät-)Folgen und manualtherapeutische Behandlung frühkindlicher Asymmetrie. Thieme, Stuttgart, 2007; V. Hackenbroch, V., J. Koch: Erfundene Krankheit - Biedermanns schiefe Babys, in: Spiegel, Nr. 12, Hamburg 2009, S. 124-125; D. Karch, E. Boltshauser, G. Groß-Selbeck, J. Pietz, H.-G. Schlack: Manualmedizinische Behandlung des KiSS-Syndroms und Atlastherapie nach Arlen. Stellungnahme der Gesellschaft für Neuropädiatrie e. V. Kommission zu Behandlungsverfahren bei Entwicklungsstörungen und zerebralen Bewegungsstörungen. 2005; Ch. Bollmann, Thomas Wirth: Der Stellenwert des KiSS-Syndroms unter den Haltungsasymmetrien. pädiatrie hautnah 5•2005, S. 244-49; Arbeitsgemeinschaft KiSS, ein Zusammenschluss betroffener Väter und Mütter: http://kiss-therapie.de/

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