Wenn das Handy den Takt vorgibt

Viele Menschen scheinen mehr Zeit mit dem Smartphone als mit ihrem Partner zu verbringen. (Foto: ViewApart / Fotolia)
Viele Menschen scheinen mehr Zeit mit dem Smartphone als mit ihrem Partner zu verbringen. (Foto: ViewApart / Fotolia)

Viele Smartphone-Nutzer sind emotional von ihrem mobilen Gerät abhängig

(dbp/auh) Der Fall einer hessischen Abiturientin, die Anfang Juli für vier Monate ihre Verwandten in den USA besuchen wollte und der trotz Visum die Einreise verweigert wurde, schlug hohe Wellen. Denn die 19-Jährige schilderte der Presse sehr anschaulich, was sie beim Umsteigen am Flughafen in Philadelphia erlebte. Ihr Koffer wurde vor den Augen der Mitreisenden durchwühlt, immer wieder musste sie dieselben Fragen beantworten und stets wurde sie der Lüge bezichtigt.

Die junge Frau hielt sich tapfer – bis ihr das Handy weggenommen wurde. Erst dann fing sie zu weinen an, denn: „Das Handy ist in unserer heutigen Zeit wohl das Persönlichste, was man einem Menschen nehmen kann“, so schrieb das Mädchen wörtlich in ihrem Gedächtnisprotokoll, nachzulesen auf der Internetseite einer Lokalzeitung (www.op-marburg.de). Das Persönlichste, was man einem Menschen nehmen kann? So erschreckend diese Äußerung auch sein mag, man muss sie ernst nehmen. Für viele Menschen hat das Handy mittlerweile eine derart große persönliche Bedeutung, dass reale Beziehungen sowie schulische und berufliche Verpflichtungen darunter leiden können.

Viele spüren ein „Phantom-Vibrieren“

Die starke emotionale Bindung an das Mobiltelefon kann sich durch kuriose Symptome bemerkbar machen. So gibt es das relativ weit verbreitete Phänomen, dass Menschen ihr Handy spüren oder hören, obwohl es weder vibriert noch klingelt, ja manchmal sogar, wenn sie es gar nicht bei sich haben. Laut einer Umfrage des Digitalbranchen-Verbandes Bitkom aus dem Jahr 2013 nehmen rund 25 Millionen Deutsche über 14 Jahre diese Phantom-Meldungen wahr, das entsprach damals einem Anteil von 39 Prozent der Handybesitzer.

Problematisch wird die Nutzung von Smartphone und Tablet, wenn das Fühlen, Denken und Handeln ganz wesentlich von der Funktion des mobilen Geräts abhängt. Wenn beispielsweise Schüler trotz klar geregelten Nutzungsverbots es nicht lassen können, auch während des Unterrichts ihre Nachrichten abzurufen und zu beantworten. Wenn der Zwang größer wird als die Vernunft, der Nutzer also die Kontrolle über sein Verhalten verliert, dann liegt ein problematisches Verhältnis vor.

Eindeutige Hinweise auf Suchtverhalten

Professionelle Suchtberater erleben in ihrer täglichen Praxis häufig eindeutige Hinweise auf Suchtverhalten. „Wenn man sich mehrere Stunden am Tag mit seinem Handy beschäftigt, wenn es einem so wichtig wird, dass man Familie, Freunde und die Arbeit vernachlässigt und wenn man gereizt reagiert, wenn man von anderen darauf angesprochen wird – das ist Abhängigkeit“, so Katrin Moritz, Leiterin der Sucht- und Drogenberatung der Diakonie Güstrow im „Güstrower Anzeiger“. Insbesondere Online-Spiele haben erfahrungsgemäß ein starkes Suchtpotenzial.

Wer selber testen möchte, ob er suchtgefährdet ist, kann das mit einer App tun. Kein Witz. Die kostenlose App „Menthal“ erlaubt es Smartphone-Nutzern, ihren Umgang mit dem Handy zu messen. Informatiker und Psychologen der Universität Bonn haben das Programm entwickelt. Die wichtigsten Kerndaten werden anonymisiert an einen Server übermittelt, wo die Wissenschaftler sie auswerten. „Wenn Sie eine digitale Diät machen wollen, dann stellen wir Ihnen dazu die Waage zur Verfügung“, sagt der Bonner Informatik-Professor Alexander Markowetz.

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PM von Bitkom vom 30.08.2013www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Wenn-das-Handy-keinmal-klingelt.html; Oberhessische Presse online vom 05.08.2015, www.op-marburg.de/Lokales/Marburg/US-Behoerden-untersagen-Marburgerin-Einreise; Drogenbericht der Bundesregierung 2015, S. 61 – 63; Zitat von Katrin Moritz aus dem Güstrower Anzeiger vom 11.04.2014, zit. n.: www.svz.de/lokales/guestrower-anzeiger/wenn-das-handy-zur-sucht-wird-id6251786.html; Informationen zur Menthal-App hier: https://menthal.iai.uni-bonn.de/terms; abgerufen im August 2015