Träumerchen statt Zappelphilipp

Mädchen sind häufiger von ADS betroffen, Jungen neigen eher zu ADHS. (Foto: Ludwig Yang / Fotolia)
Mädchen sind häufiger von ADS betroffen, Jungen neigen eher zu ADHS. (Foto: Ludwig Yang / Fotolia)

Kinder mit ADS sind nicht hyperaktiv und fallen daher weniger auf

(dbp/mhk) „Mein Kind ist unkonzentriert, vergesslich, schnell abgelenkt, gedanklich stets woanders, träumt, regt sich schnell auf und fühlt sich zu oft missverstanden. Warum ist es so anders?“ Das fragen sich viele Eltern von Kindern mit ADHS oder ADS. Mittlerweile ist das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit und ohne Hyperaktivität eine häufig gestellte Diagnose, „verkommt jedoch auch zur Modediagnose“, so Dr. med. Helga Simchen.

„ADS – Unkonzentriert, verträumt, zu langsam und viele Fehler im Diktat“, so lautet einer der Buchtitel von Dr. med. Helga Simchen. Die Kinderärztin, Neuropädiaterin, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psycho-, Verhaltens- und systemische Familientherapeutin betreute nach langjähriger stationärer Tätigkeit an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie für Kinder und Jugendliche in Magdeburg von 1995 bis 2012 in eigener Praxis in Mainz zahlreiche Betroffene.

Mädchen neigen eher zu ADS

Von AD(H)S betroffen sein sollen zwischen drei bis zehn Prozent aller Kinder. „Mädchen neigen eher zu ADS vom vorwiegend unaufmerksamen Typ, Jungen zu ADHS, dem hyperaktiven Typ, der viel mehr auffällt durch starke Unruhe, ungebremstes und nicht selten aggressives Verhalten“, erklärt Dr. Simchen.

Woran können Eltern erkennen, ob ihr Kind tatsächlich an dieser hirnorganisch bedingten, angeborenen Störung leidet, die unter ungünstigen äußeren und inneren Bedingungen zu schweren psychischen und körperlichen Erkrankungen in Form psychosomatischer Beschwerden führen kann? Woran erkennt der Kinderarzt diesen ruhigeren „unaufmerksamen oder hypoaktiven ADS-Typ?“.

Schlechte Noten trotz Fleiß und Intelligenz

„Hypoaktive Kinder arbeiten, begreifen und denken langsamer, sind empfindlich, sensibel, weinen leichter, in ihrer Feinmotorik unterschiedlich stark eingeschränkt, haben oft Lese- oder Rechtschreibschwächen“, erklärt Dr. Simchen. „Sie verhalten sich eher überangepasst, bekommen in der Schule trotz fleißigen Lernens und guter Intelligenz zunehmend schlechte Noten. Ihnen gelingt vieles schlechter als erwartet, eine innere Hilflosigkeit entsteht. Das führt zu Versagensängsten und Flucht in Traumwelten.“

Betroffene sind vorwiegend introvertiert und haben oft frühzeitig psychosomatische Probleme aufgrund ungelöster Konflikte, die negativen Dauerstress erzeugen, so Simchen. Sie müssten ein Höchstmaß an Konzentration aufbringen, um etwas zu fokussieren. Im Kopf fehle es ihnen an „Struktur und Ordnung“, da die Entwicklung ihrer Lernbahnen im Gehirn erschwert und verzögert verläuft. „Wenn etwas neu ist, können sie sich aber sehr gut konzentrieren“, ergänzt Simchen. Bei guter Intelligenz und fehlender Überforderung können diese Kinder ihre gespürten Defizite lange selbst kompensieren.

Die „Träumer“ fallen weniger deutlich auf als die Hyperaktiven. Trotz festgeschriebener Leitlinien wird ADS ohne Hyperaktivität oft nicht oder viel zu spät diagnostiziert (meist erst bei Kindern weit über sechs Jahren). „ADS ist aber mehr als eine Konzentrations- oder Verhaltensstörung. Die Nervenbahnen im Gehirn dieser Kinder sind infolge der ständigen Reizfilterschwäche anders vernetzt, was die Automatisierung von Lernprozessen erheblich erschwert“, so die Ärztin.

Die Diagnose erfordere eine ganzheitliche Betrachtungsweise der recht unterschiedlichen Beschwerden des Patienten in Bezug auf seine individuelle Entwicklung, seinem sozialen Umfeld, seinen Fähigkeiten und Defiziten. Eltern sollten Verhalten und Lernen ihrer Kinder über mehrere Wochen intensiv beobachten und dokumentieren. Die Expertin rät, ausschließlich Fachärzte aufzusuchen, auf ADS spezialisierte Kinderärzte oder -psychiater.

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