Therapie im Kontext sozialer Systeme

Nähe, Distanz, Hin- oder Abwenden: Die Familienskulptur ist auch in der Paartherapie hilfreich. (Foto: Photographee.eu / Fotolia)
Nähe, Distanz, Hin- oder Abwenden: Die Familienskulptur ist auch in der Paartherapie hilfreich. (Foto: Photographee.eu / Fotolia)

Die systemische Familientherapie orientiert sich an den Stärken des Klienten

(dbp/auh) Die Familienaufstellung wurde zwar in Deutschland durch Bert Hellinger erst berühmt, geht aber ursprünglich auf die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir zurück. Sie entwickelte die Methode der Familienskulptur. Die Anwendung der Familienskulptur innerhalb der systemischen Therapie ähnelt nur vordergründig der Methode des Familienstellens nach Hellinger.

„Im Familienstellen werden Lösungen durch einen „wissenden“ Therapeuten gestellt. In der systemischen Familienskulptur dagegen werden Lösungen gemeinsam mit den Klienten entwickelt, insbesondere anhand ihrer Ressourcen“, so formuliert Diplom-Psychologe András Wienands den wesentlichen Unterschied in der „Zeitschrift für systemische Therapie“ (Heft 3/04).

Räumliche Komposition macht Emotionen sichtbar

In beiden Fällen wählt der Klient Stellvertreter für seine Familienangehörigen. Das können bei der Familienskulptur reale Personen oder auch symbolische Gegenstände sein, zum Beispiel Playmobilfiguren oder Steine. Wienands zitiert den italienischen Familientherapeut Maurizio Andolfi: „Derjenige, der die Familienskulptur schafft, erarbeitet eine räumliche Komposition, die häufig dramatisch ausfällt und die sichtbar seine Emotionen wie auch die Emotionen der Familienmitglieder in ihrer wechselseitigen Interaktion zum Ausdruck bringt.“

Die Professorin Dr. Kirsten von Sydow wendet die Methode der Familienskulptur in ihrer Hamburger Praxis auch in der systemischen Paartherapie an. Die Diplom-Psychologin, psychologische Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin beschreibt beispielhaft, wie bei einem Paar das bildhafte Zueinander-ins-Verhältnis-Setzen praktisch vor sich geht: „Die Frau nimmt den Mann an den Schultern und stellt, setzt oder legt ihn an eine Stelle ihrer Wahl. Dann platziert sie sich selbst im Verhältnis zu ihm.“ Anschließend stellt der Mann seine Sicht des Verhältnisses auf dieselbe Weise dar. Diese Darstellungen dienen der Bestandsaufnahme der Beziehung.

Erstaunliche Ergebnisse

Anschließend fragt die Psychotherapeutin die beiden Klienten, welche Konstellation sie sich wünschen. Dabei kommen häufig erstaunliche Ergebnisse zutage, berichtet Dr. von Sydow. „Es gibt auch zerstrittene Paare, die ganz ähnliche Ziele haben.“

Die Familienskulptur kann auch in der Einzeltherapie angewendet werden. Denn im Unterschied zur klassischen Psychotherapie sieht die sytemische Therapie den Klienten stets im Zusammenspiel mit seinem sozialen Kontext. Dazu gehören nicht nur Lebenspartner und Familienangehörige, sondern auch das berufliche und sonstige Umfeld.

Auf Ressourcen und Lösungen fokussiert

Die Vertreter der systemischen Therapie, die in der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) und in der Systemischen Gesellschaft (SG) organisiert sind, betonen die Vorzüge ihrer Methode: „Sie wirkt schnell, weil sie auf Stärken, Ressourcen und Lösungen fokussiert ist.“ Außerdem wirke sie nachweisbar auch bei schweren Störungen im Kindes- und Jugendalter sowie bei Gruppen, die von der psychotherapeutischen Versorgung vernachlässigt werden, zum Beispiel Migranten und Senioren.

Dennoch gehört die systemische Therapie in Deutschland zurzeit noch nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen. Es zeichnet sich allerdings ab, dass sich das in wenigen Jahren ändern wird. „Bis dahin müssen psychisch Kranke, die mit systemischer Therapie behandelt werden wollen, dies aus eigener Tasche bezahlen“, bedauern die beiden Fachverbände.

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