Sucht macht vor dem Alter nicht halt

28 Prozent der Männer über 60 Jahre in Deutschland schaden mit ihrem Alkoholkonsum ihrer Gesundheit, etwa 3 Prozent sind alkoholabhängig. (Foto: aletia2011 / Fotolia)
28 Prozent der Männer über 60 Jahre in Deutschland schaden mit ihrem Alkoholkonsum ihrer Gesundheit, etwa 3 Prozent sind alkoholabhängig. (Foto: aletia2011 / Fotolia)

Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit sollten auch bei Senioren therapiert werden

(dbp/auh) „Pflegeheime sind Orte der Sucht, Männer trinken zu viel, Frauen schlucken zu viele Pillen“ – so dramatisch schildert die Deutsche Apotheker Zeitung in ihrem gleichnamigen Internetportal die Situation. Anlass für den Bericht am 1. Juni 2012 waren Informationen des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) zum Thema „Sucht im Alter“.

Danach gibt es in 80 Prozent der ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen Menschen, die Suchtprobleme mit Alkohol oder Medikamenten haben. Sieben Prozent aller Heimbewohner seien medikamentenabhängig, so das BMG. Die Zahl der alkoholabhängigen älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen betrage im Durchschnitt 14 Prozent. 61 Prozent der alkoholkranken Pflegeheimbewohner seien Männer, Frauen machten mit knapp 73 Prozent den Löwenanteil bei den Medikamentenabhängigen aus.

Alkohol im Alter wurde verharmlost

Suchterkrankungen im Alter waren früher aus mehreren Gründen kein Thema. Man nahm an, dass beispielsweise alkoholabhängige Menschen wegen der gesundheitsschädlichen Auswirkungen ihrer Sucht gar kein hohes Alter erreichen können. Vielfach herrschte auch die Einschätzung vor, eine Therapie sei eine größere Belastung für den älteren Menschen als seine Sucht. Nach dem Motto: „Gönn dem Opa doch sein Schnäpschen“, so Suchttherapeut Jean-Christoph Schwager, sei Alkoholismus im Alter verharmlost worden.

Für Menschen im Rentenalter gab es bis vor wenigen Jahren in der Regel keine stationären Therapieplätze in Suchtkliniken. Bei ambulanten Angeboten sah es nicht viel besser aus. Noch im jüngsten Altenbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2010 heißt es: Etwa zehn Prozent der über 60-Jährigen bräuchten eine Psychotherapie, bekommen sie aber nicht.

Suchthilfeangebote für Ältere

Doch es hat sich etwas geändert: Es gibt immer mehr speziell auf ältere Suchtkranke zugeschnittene Behandlungsangebote. Das Personal in ambulanten und stationären Einrichtungen der Altenpflege schaut mehrheitlich nicht mehr weg, sondern erkennt Handlungsbedarf. Verbindliche Konzepte zum Umgang mit „Süchtigen“ haben etwa 38,4 Prozent der stationären und 26,9 Prozent der ambulanten Altenpflegeeinrichtungen. Zu solchen Konzepten gehört zum Beispiel das „fremdbestimmte kontrollierte Trinken“, wenn eine Abstinenz nicht (mehr) möglich ist: Dem Bewohner werden alkoholische Getränke in bestimmten, mit dem Arzt abgesprochenen Mengen erlaubt.

Wichtig ist eine Qualifizierung des Pflegepersonals vor allem, weil Sucht im Alter von Laien oft nicht erkannt wird. Denn Alkohol und Medikamente können zu geistigen und körperlichen Einschränkungen führen, die für den Betroffenen und seine Angehörigen wie die Folgen des „natürlichen“ Alterungsprozesses wirken, zum Beispiel Gedächtnisschwund, Gangunsicherheit, Inkontinenz oder Schlafstörungen. Dass es sich bei diesen und ähnlichen Symptomen um regelrechte Vergiftungserscheinungen handeln kann, sollten Ärzte und Pflegende stets in Betracht ziehen.

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Informationen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, www.dhs.de und www.unabhaengig-im-alter.de; Schriftenreihe der Allgemeinen Hospitalgesellschaft (AHG) Klinik Wigbertshöhe, Band 1: Alter und Sucht, zusammengestellt von Dr. Michael Ellwardt, ohne Datum; Almuth Schmidt: Kleine Anfrage der SPD. Sucht im Alter: Trinkende Männer, sedierte Frauen, in: Deutsche Apotheker Zeitung (DAZ), 01.06.2012, Dr. Ulrich Kastner: „Umgang mit Suchtproblemen in der stationären Altenpflege“, Vortrag auf der DHS-Fachkonferenz Sucht in Dresden am 14.11.2006; Antwort des Bundesministeriums für Gesundheit auf eine Kleine Anfrage, Bundestags-Drucksache 17/9605, vom 24.05.2012; die darin verwendeten Studiendaten stammen aus: Silke Kuhn und Christian Haasen: Repräsentative Erhebung zum Umgang mit suchtmittelabhängigen älteren Menschen in stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen, Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg, April 2009; 6. Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland - Altersbilder in der Gesellschaft, Bundestagsdrucksache 17/3815 vom 17.11.2010; alle Seiten abgerufen im März 2013