„Stillen darf nicht schmerzhaft sein“

Bei vielen Frauen klappt das Stillen nach der Geburt nicht von ganz allein. Wer Probleme hat,  kann sich an eine Stillberaterin wenden. (Foto: Oksana Kuzmina / Fotolia)
Bei vielen Frauen klappt das Stillen nach der Geburt nicht von ganz allein. Wer Probleme hat, kann sich an eine Stillberaterin wenden. (Foto: Oksana Kuzmina / Fotolia)

Eine Stillberatung kann Frauen helfen, die Trinkprobleme ihres Babys zu lösen

(dbp/spo) Mit dem Stillen ist das so eine Sache. Viele Frauen gehen davon aus, dass es nach der Geburt automatisch klappt. Die Praxis sieht oft anders aus: Babys, die das „Andocken“ nur mit fremder Hilfe schaffen, wunde Brustwarzen und Versagensängste bei den Müttern. Das muss aber nicht sein. Eine frühzeitige Stillberatung hilft Frauen, das schmerzfreie (!) Stillen schnell zu lernen.

Das sagt Stillberaterin Sandra Deissmann aus Allendorf bei Gießen. Sie ist Kinderkrankenschwester und hat sich zur Still- und Laktationsberaterin IBCLC weiterqualifiziert. Das tun auch viele Hebammen. Die Weiterbildung mache Sinn, sagt Sandra Deissmann, denn in der regulären Ausbildung finde das Thema Stillen oft viel zu wenig Raum. So gehen manche Frauen sogar auf Empfehlung ihrer Nachsorge-Hebamme zu einer professionellen Stillberatung.

„Stillen ist wie Tanzen“, sagt der Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen (BDL). „Es gibt Naturtalente, die finden sich und tanzen einfach los. Die meisten brauchen jedoch eine Anleitung.“ Und hier hapert es oft schon im Kreißsaal, so Sandra Deissmann. Etwa eine Stunde nach der Geburt seien die Babys in der Regel bereit zum ersten Anlegen. Wird das Kind der Mutter aber erst einmal weggenommen, etwa um es zu wiegen, habe das bereits Einfluss auf das Saugverhalten.

Oft fehlt eine gute Anleitung

Und auch im Wochenbett fehlt oft die Anleitung. „Die richtige Anlegetechnik spielt eine Riesenrolle.“ Und das Wichtigste: „Stillen sollte nicht schmerzhaft sein. Schmerz ist immer ein Signal, dass etwas nicht in Ordnung ist.“ Allgemein kursiert hingegen die Meinung, durch die anfänglichen Schmerzen beim Stillen müsse frau sich eben durchbeißen.

Viele Frauen starten damit allerdings einen Teufelskreis, so die Expertin. Sie halten den Schmerz aus und legen weiter nicht 100-prozentig richtig an. Die Brustwarzen werden wund, manche entwickeln eine unterbewusste Angst vor dem nächsten Stillen. Die Kinder entleeren die Brust nicht richtig und nehmen nicht ausreichend zu.

„Die Frauen sind in Not“

Eine Stillberatung ist für viele der letzte Rettungsanker vor dem Aufgeben. „Wenn die Frauen zu mir kommen, haben sie oft schon ein Martyrium von vier bis sechs Wochen hinter sich“, sagt Sandra Deissmann. Und nicht nur körperlich. Eine nicht intakte Stillbeziehung kann die Psyche der Mutter und der ganzen Familie belasten. „Die Frauen sind in Not. Manchmal haben sie sogar das Gefühl, ihr Kind nicht mehr richtig zu lieben.“

Meist könne eine Stillberatung schon nach ein oder zwei Terminen helfen. Inhaltlich geht es dabei nicht nur um die richtige Technik, sondern auch um psychische Begleitung. Sandra Deissmann ist bemüht, für jedes Mutter-Kind-Team einen individuellen Weg zu finden, mit dem es beiden gut geht. Auch die kindlichen Zeichen müssen dabei gedeutet werden. An die Brust zwingen lasse sich nämlich kein Baby, sagt sie.

Sogar Frauen, die bereits abgestillt hatten, hat sie so wieder ans Stillen gebracht. Das Gästebuch ihrer Homepage ist voll mit Einträgen erleichterter Mütter. Ein Beispiel: „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich bin, (…) haben Sie meiner Tochter und mir doch erst wunderschöne schmerzfreie Stillerlebnisse möglich gemacht (…), nachdem wir es fünf Wochen lang vergeblich versucht hatten und jeder Versuch mit Hunger, Weinen, Frust und Fläschchengabe geendet hat.“

Von den Krankenkassen werden die Kosten für eine Stillberatung (etwa 40 bis 60 Euro pro Stunde) allerdings nicht übernommen.