Steinchen, die im Ohr umherirren

Winzige Kristalle im Ohr verursachen den gutartigen Lagerungsschwindel. (Foto: Coloures-Pic/ Fotolia)
Winzige Kristalle im Ohr verursachen den gutartigen Lagerungsschwindel. (Foto: Coloures-Pic/ Fotolia)

Der gutartige Lagerungsschwindel kann bei älteren Menschen zu erhöhter Sturzgefahr führen

(dbp/wgt) Wer unter Schwindel leidet, befindet sich in prominenter Gesellschaft. Johann Wolfgang von Goethe etwa litt an Höhenschwindel. Zwecks Desensibilisierung, so ist in „Dichtung und Wahrheit“ zu lesen, wagte der Dichterfürst während seines Aufenthalts in Straßburg täglich den beschwerlichen Aufstieg auf den Turm des Münsters.

Heute gilt der Lagerungsschwindel als häufigste Schwindelform. Experten schätzen, dass rund zehn bis zwanzig Prozent aller Menschen zumindest einmal im Leben davon betroffen sind. Oft genügt schon eine Drehung im Bett oder die Neigung des Kopfes beim Blick an die Decke, um bei den Betroffenen starke Schwindelanfälle auszulösen.

Verirrte Kristalle als Auslöser

Zu der Erkrankung kommt es, wenn sich im Gleichgewichtsorgan winzige Kalzitkristalle ablösen. Bei bestimmten Kopf- und Körperbewegungen gelangen die kleinen Steinchen, auch Otokonien genannt, in die Bogengänge des Innenohrs. „Dabei entstehen heftige Schwindelempfindungen, die mit Übelkeit und einem länger andauerndem Gefühl der Unsicherheit und des Schwankens einhergehen können“, erklärt Professor Leif Erik Walther, Facharzt für Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde.

Obwohl der Lagerungsschwindel als gutartige Erkrankung gilt, ist eine zügige Diagnose und Behandlung durch einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt auf jeden Fall wichtig. Denn vor allem bei älteren Patienten, die besonders häufig betroffen sind, besteht erhöhte Sturzgefahr, wenn die Erkrankung nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird. Mittels einer speziellen Untersuchungsmethode testet der HNO-Arzt die Augenreaktion des Patienten. Reagiert der Betroffene mit schnellen Augenbewegungen, dem so genannten Nystagmus, dann liegt für gewöhnlich eine Form des Lagerungsschwindels vor.

Gute Heilungschancen ohne Medikamente

Wird der Lagerungsschwindel richtig behandelt, sind die Heilungschancen gut. Medikamente sind dazu in der Regel nicht erforderlich. Erfahrene Ärzte wenden stattdessen unterschiedliche Lagerungsmethoden an, um die verirrten Ohrsteinchen wieder aus den Bogengängen herauszuholen und so die Schwindelattacken in den Griff zu bekommen.

Dazu zählt auch das so genannte Epley-Manöver. Dabei dreht der Patient den Kopf in liegender Position nach einem bestimmten Schema mehrmals um 90 Grad. Beim Semont-Manöver dagegen kommt zur Drehung des Kopfes eine zusätzliche seitliche Kippbewegung des Oberkörpers hinzu. Einmal eingeübt, können die Patienten die Lagerungsmanöver jederzeit auch ohne ärztliche Anleitung wiederholen.

Krankheitsursachen werden noch erforscht

Was die eigentlichen Ursachen für die Ablösung der Kalzitkristalle und der dadurch hervorgerufenen Schwindelattacken sind, ist bislang allerdings noch nicht eindeutig geklärt. Professor Leif Erik Walther und der Chemiker Professor Rüdiger Kniep vom Max-Planck-Institut für chemische Physik fester Stoffe in Dresden arbeiten gegenwärtig an der Entschlüsselung des Phänomens. Anhand der Struktur von künstlichen Otokonien versuchen die Wissenschaftler nachzuvollziehen, wie es zu Schädigungen der Kristallstruktur und damit zur Ablösung der Steinchen kommen kann.

Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Kristalle mit der Zeit degenerieren, weil sich der pH-Wert der Flüssigkeit ändert, der sie umspült. In einer jüngst veröffentlichten Studie zeigen die beiden Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen, dass das Antibiotikum Gentamicin, das zur Behandlung schwerer bakterieller Infektionen eingesetzt wird, eine wichtige Rolle bei der Schädigung der Kalzitkristalle spielt.

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Quellenangaben:
Bundesministerium für Bildung und Forschung (2011): Der Schwindel. Forschung – Diagnose – Therapie. Online: https://www.bmbf.de/pub/der_schwindel.pdf; Deutscher Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte (2013): Lagerungsschwindel: zügige Diagnose und Behandlung ist wichtig. Pressemitteilung. Online: http://www.hno-aerzte-im-netz.de/news/hno-news/lagerungsschwindel_zuegige_diagnose_und_behandlung_ist_wichtig.html; Walther, Leif Erik u.a. (2014): Gentamicin-induced structural damage of human and artificial (biomimetic) otoconia. Online: http://informahealthcare.com/doi/abs/10.3109/00016489.2013.849384; Walther, Leif Erik u.a. (2013): Detection of human utricular otoconia degeneration in vital specimen and implications for benign paroxysmal positional vertigo. In: European Archives of Oto-Rhino-Laryngology. Online: http://www.schwindelzentrum-koenigstein.de/files/schwindelzentrum/pdf/Otokonien%20und%20Lagerungsschwindel.pdf; alle Informationen abgerufen im Mai 2014