Sehen in 3D ist nicht selbstverständlich

Sehschwächen im Kindesalter können gut behandelt werden. (Foto: Professor Krzizok / BVA)
Sehschwächen im Kindesalter können gut behandelt werden. (Foto: Professor Krzizok / BVA)

Schon kleine Sehfehler in der Kindheit können das räumliche Sehen verhindern

(dbp/auh) Die Fähigkeit zum räumlichen Sehen ist nicht angeboren. Nach Angaben des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands (BVA) gibt es hierzulande rund vier Millionen Menschen, die nur zweidimensional sehen können. Eine mögliche Ursache: Ein leichtes Schielen, das in der Kindheit nicht entdeckt wurde. Eine solche Sehschwäche kann später, im Jugend- oder Erwachsenenalter, nicht mehr behoben werden.

Entfernungen abschätzen, Objekte in ihrer ganzen Tiefe wahrnehmen: Die meisten Menschen halten es für selbstverständlich, dass sie ihre Umwelt räumlich sehen. Dass dabei ihre Augen wie zwei Hochleistungskameras in ständiger Abstimmung miteinander stehen und die dabei aufgenommenen Daten im Gehirn erst zu einem räumlichen Seheindruck verrechnet werden, ist ihnen nicht bewusst.

Wie entsteht räumliches Sehen? Jedes Auge übermittelt kontinuierlich Daten an das Sehzentrum im Gehirn, doch die Bilder eines einzelnen Auges sind nur zweidimensional. Für den räumlichen Seheindruck ist der Abstand der beiden Augen zueinander und die perfekte Koordination wesentlich: So entstehen zwei Bilder desselben Objekts, gesehen aus einem leicht unterschiedlichen Blickwinkel. Die beiden Bilder verschmelzen erst im Gehirn zu einem einzigen 3-D-Bild.

Schielen wird nicht immer bemerkt

Diese Fusion ist nur dann möglich, wenn beide Augen genau auf dasselbe Objekt ausgerichtet sind und wenn sie Bilder in gleich guter Qualität liefern. Schon eine leichte Abweichung der Blickachsen kann das räumliche Sehen vereiteln, ebenso eine unterschiedlich starke Fehlsichtigkeit beider Augen.

Beim Schielen treffen die Sehachsen nicht auf dieselbe Stelle. Der Unterschied der beiden Bilder, die von den Augen geliefert werden, ist dann zu groß, um zu einem dreidimensionalen Bild zu fusionieren. Es entstehen störende Doppelbilder. Im Kindesalter kann das Gehirn sich gegen diese Doppelbilder „wehren“, indem es das vom schielenden Auge übermittelte Bild unterdrückt. Die Folge: Das nicht „benutzte“ Auge wird mit der Zeit sehschwach (amblyop).

„Geschieht dies auf Dauer, dann wird das Auge sozusagen abgeschaltet. Die große Gefahr liegt darin, dass ein kleines Kind dies selber nicht bemerkt oder äußern kann, und deshalb diese Beeinträchtigung von der Familie nicht bemerkt wird“, erklärt Professor Joachim Esser, stellvertretender Leiter des Arbeitskreises „Schielen“ im Berufsverband BVA.

Zum Augenarzt vor dem 3. Lebensjahr

Schielen tritt meistens schon in der frühen Kindheit auf, in einer Phase, in der sich das Zusammenspiel von Augen und Gehirn und damit die Fähigkeit zum dreidimensionalen Sehen erst entwickeln. Ein leichtes Schielen fällt im Alltag nicht auf. Unbehandelt entwickeln nach Angaben des BVA nahezu 90 Prozent aller schielenden Kinder eine einseitige Amblyopie. Dreidimensionales Sehen ist dann nicht mehr möglich.

Eine augenärztliche Untersuchung, möglichst vor dem dritten Lebensjahr, bringt Sicherheit, ob mit den Augen eines Kindes alles in Ordnung ist, lautet der Appell der Augenärzte. Allerdings gehört diese Vorsorgeuntersuchung nicht zum gesetzlich geregelten Leistungskatalog der Krankenkassen. Die Kosten dafür liegen – abhängig vom Umfang der Untersuchung – zwischen 30 und 120 Euro. Da es aber mittlerweile rund zwei Dutzend Kassen gibt, die das sogenannte „Amblyopie-Screening“ als freiwillige Zusatzleistung anbieten, lohnt es sich, bei der eigenen Kasse nachzufragen.