Rückenschmerzen als Chance?

Psychische Widerstandskraft (Resilienz) kann man lernen. (Foto: Jeanette Dietl / Fotolia)
Psychische Widerstandskraft (Resilienz) kann man lernen. (Foto: Jeanette Dietl / Fotolia)

Das Resilienz-Konzept soll Eingang in die Rückenschulen finden

(dbp/auh) Am Tag der Rückengesundheit, der am 15. März 2015 zum 14. Mal stattfindet, bieten viele ärztliche und therapeutische Praxen, Rückenschulen, Apotheken, Fitnesscenter, Vereine und andere Akteure im Gesundheitswesen bundesweit Veranstaltungen zum Thema Rückengesundheit an. Die Träger des Aktionstages, der Bundesverband der deutschen Rückenschulen (BdR) und die Aktion Gesunder Rücken (AGR), haben für dieses Jahr ein Motto gewählt, das für viele betroffene Patienten sicher erklärungsbedürftig ist. Es lautet: „Sie haben es in der Hand – Rückenschmerzen bieten Chancen.“

Ulrich Kuhnt Sportwissenschaftler, Vorstandsmitglied im BdR und Gründer der Rückenschule Hannover, erklärt, dass sich das Motto sowohl auf akute Rückenschmerzen als auch auf den bereits chronifizierten Schmerz bezieht. Bei akuten Rückenschmerzen spiele es eine große Rolle, dass die schmerzgeplagte Person sich nicht übertrieben stark schont oder die Schmerzen als Katastrophe deutet. „Es ist wichtig, möglichst schnell wieder körperlich aktiv zu werden“, betont der Rückenexperte.

Resilienz ist psychische Widerstandskraft

Wünschenswert und förderlich für diesen Prozess seien mehrere innere und äußere Faktoren, die in der Wissenschaft und neuerdings auch in der populären Ratgeberliteratur immer öfter mit dem Begriff „Resilienz“ bezeichnet werden: eine optimistische Haltung (Hoffnung auf baldige Genesung), die Überzeugung, selbst aktiv zur Schmerzreduktion beitragen zu können und ein starker sozialer Rückhalt. „Verfügt eine Person über möglichst viele dieser Faktoren, ist sie resilient, also besitzt eine hohe psychische Widerstandskraft“, erläutert der Rückenschullehrer.

Das „Immunsystem der Seele“ stärken

Resilienz beschreibt die Fähigkeit von Menschen, persönliche Rückschläge oder Krisen nicht nur zu überstehen, sondern sogar gestärkt aus ihnen hervorzugehen. „Diese Fähigkeit kann man als Immunsystem der Seele oder noch treffender als Stehaufmännchen-Kompetenz beschreiben“, so die Professorin Jutta Heller in ihrem Buch „Resilienz – 7 Schlüssel für mehr innere Stärke“. Krisen werden durch Nutzung persönlicher und sozial vermittelter Ressourcen gemeistert.

Das Motto des Tages der Rückengesundheit 2015 versucht, das Resilienz-Prinzip für die Ziele der „Neuen Rückenschule“ zu nutzen. Das Konzept der „Neuen Rückenschule“ unterscheidet sich grundsätzlich vom klassischen Rückenschulkonzept, weil es auf einem ganz anderen Verständnis von Gesundheit basiert. Das „gute alte“ biomedizinische Modell funktioniert – verkürzt gesagt – nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip. Was etwa bei Infektionskrankheiten sinnvoll ist, führt bei Rückenschmerzen nur in seltenen Fällen zum Erfolg.

Schmerzerleben ist beeinflussbar

Ulrich Kuhnt: „Beim Versuch, chronische Rückenschmerzen zu verstehen, hat sich in den vergangenen Jahren der Schwerpunkt zunehmend auf den Prozess einer allmählich sich entwickelnden Chronifizierung verlagert. Chronische Schmerzen werden oftmals nur marginal durch das Ausmaß der diagnostizierbaren Körperschäden bestimmt.“

Vor dem Hintergrund, dass bei etwa 80 Prozent aller Patienten mit chronischen Rückenschmerzen keine hinreichenden körperlichen Ursachen gefunden werden können, sind Aspekte der Schmerzverarbeitung und -bewältigung von großer Bedeutung. „Ein chronisches Schmerzerleben muss als das Ergebnis eines durch psychologische Faktoren beeinflussten Vorgangs betrachtet werden“, so Kuhnt. Somit ist auch das Schmerzerleben vom Patienten selbst aktiv beeinflussbar.