Placebo-Effekt wirkt auch ohne Placebo

Die Erwartungshaltung des Patienten ist mitentscheidend für den Heilungserfolg. (Foto: spotmatikphoto / Fotolia)
Die Erwartungshaltung des Patienten ist mitentscheidend für den Heilungserfolg. (Foto: spotmatikphoto / Fotolia)

Bei jeder Therapie spielt die Kommunikation mit dem Patienten eine wichtige Rolle

(dbp/auh) Placebo nennt man ein Scheinmedikament, also ein Arzneimittel, das gar keines ist, aber genauso aussieht. Der Begriff ist den meisten Menschen geläufig im Zusammenhang mit klinischen Studien, in denen die Wirkung von neuen pharmazeutischen Wirkstoffen getestet wird. Aber der Placebo-Effekt spielt auch in der alltäglichen ambulanten und stationären Patientenversorgung eine wichtige Rolle.

Die Hoffnung auf Heilung kann heilen

Placebo heißt wörtlich übersetzt „ich werde gefallen“ und genau diese Erwartungshaltung ist es, die den gleichnamigen Effekt ausmacht. Vereinfacht gesagt: Wer ein positives Ereignis erwartet, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit ein solches erleben. Wie entsteht diese Erwartungshaltung? Entscheidend ist die symbolische Bedeutung, die mit einer Sache oder einer Handlung verbunden wird und nicht die objektiv messbare Beschaffenheit der Sache.

Das bedeutet: Der Placebo-Effekt tritt nicht nur bei der Gabe von wirkstofffreien Scheinmedikamenten und auch nicht nur im Zusammenhang mit Studien auf, sondern auch bei der Verabreichung von „echten“ Arzneimitteln sowie prinzipiell bei jeder Form von Heilbehandlung.

Placebo-Effekt ist keine Einbildung

Ein Experiment des italienischen Neurowissenschaftlers Professor Fabrizio Benedetti aus dem Jahr 2001 veranschaulicht, wie stark der Placebo-Effekt in der Schmerztherapie wirkt. Benedetti hängte frisch operierte Patienten an einen Tropf, der sie stetig mit wirkungsloser Kochsalzlösung versorgte. Allen wurde gesagt, sie könnten auf Verlangen eine schmerzlindernde Spritze bekommen. Die Wahrheit über den Inhalt der Infusion erfuhr aber keiner der Patienten.

Eine Gruppe wurde im Unklaren darüber gelassen, was da in ihre Venen tröpfelt. Den Mitgliedern einer zweiten Patientengruppe wurde erzählt, dass sie an einer placebo-kontrollierten, doppelblinden Studie teilnehmen, in der ein neues, hoch wirksames Schmerzmittel getestet wird. Sie wussten also nicht, ob sie das angeblich potente Mittel oder ein Placebo bekommen. Und einer dritten Gruppe wurde vorgemacht, dass ihr Infusionsbeutel ein starkes Schmerzmittel enthält.

Während des dreitägigen Experiments ließ Benedetti genau aufzeichnen, nach wie vielen schmerzstillenden Spritzen die Patienten verlangten. Die erste Gruppe brauchte 11,55 Milligramm (mg) des Schmerzmittels Buprenorphin, die zweite 9,15 mg und die dritte 7,65 mg. Für die vergleichbare Aufhebung der Schmerzempfindung wurden also recht unterschiedlich hohe Dosen des Medikaments benötigt.

Dass es sich bei der unterschiedlichen Wahrnehmung des Schmerzes nicht um „Einbildung“ handelt, sondern dass tatsächlich messbare körperliche Veränderungen dazu führen, ist das eigentlich Erstaunliche am Placebo-Effekt. Die erwartete schmerzlindernde Wirkung führt im Gehirn der Probanden zur Ausschüttung von körpereigenen Endorphinen (endogene Opioide). Der Placebo-Effekt ist kein rein psychologischer, sondern ein physiologischer Vorgang.

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Online-Informationen der DFG-Forschergruppe Placeboforschung, www.placeboforschung.de; Winfried Rief, Stefan G. Hofmann und Yvonne Nestoriuc: „The Power of Expectation – Understanding teh Placebo and Nocebo Phenomenon“, in: Social and Personality Psychology Compass 2/4 (2008): 1624–1637, 10.1111/j.1751-9004.2008.00121.x; PM der Universität Duisburg-Essen vom 15.11.2013: „Placebo-Forschung weiterhin Weltspitze“, www. www.uni-due.de; das Benedetti-Experiment wurde publiziert in der Zeitschrift Pain 2001 Jul;93(1):77-84, www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11406341; Bettina Sauer: „Placeboeffekt. Die Heilkraft des Nichts“, in: Pharmazeutische Zeitung 46/2007, www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=4096; Annette Mende: „Placebo: Scheinmedikament mit echter Wirkung“, in: Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 51/52 - 2012, www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=44589; Sabine Metzing-Blau: „Placebo im Wandel: von Beecher zu Benedetti“, in: Pflege & Gesellschaft 13. Jg. 2008 H.4, S. 362ff; Broschüre der WDR-Sendung Quarks & Co.: “Der Placebo-Effekt. Glaube als Medizin?”, 2005; alle Informationen abgerufen im Januar 2014