Operation im Mutterleib

Bei den Ultraschalluntersuchungen können Fehlbildungen entdeckt werden, die noch im Mutterleib behandelbar sind.(Foto: pressmaster / Fotolia)
Bei den Ultraschalluntersuchungen können Fehlbildungen entdeckt werden, die noch im Mutterleib behandelbar sind.(Foto: pressmaster / Fotolia)

Fetalchirurgie: Eine Chance für die kleinsten Patienten

(dbp/mhk) Viele schwere oder sogar lebensbedrohliche Erkrankungen oder Fehlbildungen werden dank hochauflösender Ultraschalldiagnostik bereits vor dem Geburtstermin erkannt. Einige davon können noch während der Schwangerschaft operativ behandelt werden – allerdings nur von erfahrenen Operateuren und an wenigen spezialisierten Kliniken.

Eine davon ist das Deutsche Zentrum für Fetalchirurgie & minimal-invasive Therapie (DZFT) in Gießen. Professor Dr. Thomas Kohl, leitender Arzt des DZFT, beschäftigt sich seit 1993 mit der „intrauterinen fetalen Chirurgie“ und hat zahlreiche Operationsmethoden selbst entwickelt. Er führte beispielsweise eine Operationstechnik in Deutschland ein, bei der die kindliche Luftröhre vorübergehend mit einem Ballon verschlossen wird. Dieser „fetoskopische Verschluss“ rettet ungeborenen Babys mit schweren Lungenschäden, die durch einen vorzeitigen Blasensprung entstehen können, das Leben.

Operation statt Abbruch

Kohl: „Unbehandelt führen viele Erkrankungen zum Versterben des Kindes noch während der Schwangerschaft. Bei anderen Erkrankungen versterben Kinder nach der Geburt an den Folgen schwerer Schäden an Herz-Kreislaufsystem, Lungen oder Nieren.“ In beiden Situationen können Chirurgen heutzutage schon vor der Geburt eingreifen. „Aufgrund der Linderung der Erkrankung durch die vorgeburtliche Operation entscheiden sich inzwischen mehr und mehr werdende Eltern gegen einen Schwangerschaftsabbruch“, sagt der Experte.

In Gießen können zum Beispiel krankhafte Gefäßverbindungen auf dem Mutterkuchen beim lebensbedrohlichen Zwillingstransfusionssyndrom verschlossen werden. Gefährliche Flüssigkeitsansammlungen in Brust, Bauch und Blase der winzigen Patienten werden über kleine Plastikschläuche abgeleitet. Weltweit führend ist das DZFT bei der Behandlung von Spina bifida, auch „offener Rücken“ genannt. Auch Herzerkrankungen, Kehlkopf- und Luftröhrenverschlüsse können im Mutterleib behandelt werden.

Ultraschall oder Fetoskopie

„Die minimal-invasiven Eingriffe durch die Bauchhaut der Mutter und durch die Gebärmutter werden an unserem Zentrum entweder ultraschallgesteuert durch kleine Hohlnadeln oder als sogenannte Schlüsselloch-Chirurgie durch ein bis drei kleine Operationsröhrchen durchgeführt. Der Außendurchmesser der Instrumente beträgt je nach Eingriff nur zwei bis fünf Millimeter“, erklärt Kohl. Durch diese dünnen Röhrchen führt der Operateur winzige Werkzeuge vor und verfolgt den Eingriff am Bildschirm (fetoskopische Chirurgie).

Chancen sind größer als Risiken

Für Mutter und Kind seien alle am DZFT durchgeführten Eingriffe nahezu schmerzfrei, die Risiken für die Mutter minimal, versichert Professor Kohl. „Kinder, die lebensbedrohliche Erkrankungen haben, können nur gewinnen.“ Auch werden die meisten Kinder nach vorgeburtlichen Eingriffen erst jenseits der 32. Schwangerschaftswoche geboren. Zu dieser Zeit treten schwere Komplikationen durch Unreife nur noch selten auf.

„Das Risiko hängt immer von der Erfahrung des Operateurs, der Dicke des verwendeten Gerätes und der Art der nötigen Operation ab. Wie bei allen medizinischen Eingriffen sollte sorgfältig zwischen den Risiken der Erkrankung, den Risiken des Eingriffs und der zu erwartenden Verbesserung abgewogen werden. Diese oft schwierige Entscheidungsfindung gelingt bei uns in einem interdisziplinären Team“.