Nur bösartige Zellen gehen fremd

Ob Krebszellen metastasieren, lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen. (Foto: fotoliaxrender / Fotolia)
Ob Krebszellen metastasieren, lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen. (Foto: fotoliaxrender / Fotolia)

Die Entstehungsbedingungen von Metastasen sind noch nicht gänzlich erforscht

(dbp/auh) Etwa 90 Prozent aller Krebstoten sterben nicht am Tumor, sondern an den Auswirkungen der Metastasen. Hat ein Krebs erst mal „gestreut“, ist eine vollständige Heilung nur noch selten möglich. Aber auch, wenn bildgebende und andere Verfahren keine Metastasen erkennen lassen und der Tumor vollständig entfernt werden konnte, ist ein erneutes Krebswachstum nicht ausgeschlossen.

Andererseits muss die Absiedelung einzelner Krebszellen außerhalb des Tumors nicht unbedingt zu Tochtergeschwüren führen. Es gibt auch „ruhende Tumorzellen“, die keine Metastasen bilden. Doch: Wie lange ruhen diese Zellen? Welche Einflüsse machen aus harmlosen Zellveränderungen bösartige Wucherungen? Selbst hochrangige Krebsforscher kennen noch nicht alle Antworten. „Der Prozess der Metastasierung ist der bisher am schlechtesten verstandene Schritt des Tumorwachstums“, sagte Professor Hellmut Augustin, Leiter der Abteilung „Vaskuläre Onkologie und Metastasierung“ am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) im Jahr 2011 der DKFZ-Zeitschrift „einblick“.

Gutartige Tumore metastasieren nicht

Es liegt in der Natur der Krebszellen, dass sie überhaupt im Körper umherwandern und sich in anderen Organen oder Geweben ansiedeln können. Gutartige Tumore metastasieren nicht. Aber auch die Zellen eines bösartigen Tumors sind nicht alle in der Lage, Metastasen zu bilden. „Krebszellen müssen sich aus ihrem Zellverband lösen können, den Weg über den Blut- oder Lymphstrom überleben und sich in anderen Geweben ansiedeln. Erst wenn sie sich dort auch teilen können, kommt es zu Metastasen“, erklärt der Krebsinformationsdienst des DKFZ.

Die Experten gehen momentan davon aus, dass Metastasen überwiegend von sogenannten Tumorstammzellen ausgehen. Diese Stammzellen gelten als die gefährlichsten Zellen in einem Tumor: Nicht nur, dass aus ihnen der Tumor hervorgeht, sie sorgen auch ständig für Nachschub an Krebszellen und erhalten so den Tumor am Leben.

Herkömmliche Chemotherapie allein wirkt nicht

„Ihre direkten Abkömmlinge sind es vermutlich auch, die den Tumor verlassen und an anderer Stelle im Körper Metastasen bilden. Unglücklicherweise sind ausgerechnet diese Zellen relativ unempfindlich gegenüber herkömmlichen Chemo- oder Strahlentherapien. Deshalb stehen sie im Verdacht, für das Wiederauftreten von Tumoren nach scheinbar erfolgreicher Therapie verantwortlich zu sein“, so das DKFZ anlässlich des Symposiums „Stammzellen und Krebs“ im Jahr 2014.

Professor Hellmut Augustin beschreibt das Dilemma, vor dem viele Krebspatienten stehen: „Sollen sie sich für eine hoch dosierte Chemotherapie mit allen schweren Nebenwirkungen entscheiden oder stattdessen ein höheres Risiko für Metastasen in Kauf nehmen?“ Seine Arbeitsgruppe forscht daher nach einer Therapie, die sich gezielt gegen die Entwicklung von Metastasen richtet.

Blutgefäße helfen den Tumorzellen

Ein Schritt in diese Richtung ist die Erkenntnis, dass die Zellen in der Wand der Blutgefäße (Endothelzellen) eine größere Rolle für das Tumorwachstum spielen als bisher bekannt. Sie werden nicht nur von den Tumorzellen mittels verschiedener Botenstoffe dazu angeregt, neue Kapillaren zu bilden, sondern sie produzieren offenbar selbst Wachstumsfaktoren, die wiederum dem Tumor das Überleben und Wachsen ermöglichen.

Im Tierversuch ist es Professor Augustin bereits gelungen, einen dieser Wachstumsfaktoren, das Molekül Angiopoietin-2, mithilfe eines Antikörpers in Kombination mit einer niedrig dosierten Chemotherapie auszuschalten. Bei den Experimenten lernten die Forscher darüber hinaus neue Wirkmechanismen kennen, die zur Bildung von Metastasen führen. „Das Wissen wollen wir nun gezielt in eine klinische Anwendung übersetzen“, so Professor Augustin.