Normaler Stress oder ernstes Problem?

Ob in der Familie oder im Beruf: Dauerstress kann krank machen. (Foto: spwidoff / Fotolia)
Ob in der Familie oder im Beruf: Dauerstress kann krank machen. (Foto: spwidoff / Fotolia)

Wer sich überfordert fühlt, sollte frühzeitig professionelle Hilfe suchen

(dbp/nas) Zeitnot und Hektik, Anforderungen im Job und Belastungen in der Familie, allzeit erreichbar sein und immer aktiv – unser Alltag und oft auch unsere eigenen Ansprüche setzen uns immer mehr zu. Kein Wunder, dass viele Menschen sich gestresst fühlen. Wer es schafft, dem Stress entgegenzuwirken und sich zum Ausgleich genügend entspannt, der kann ihn als gesunden Antrieb nutzen. Wenn die Anspannung aber zum Dauerzustand wird, ist sie eine Gefahr und kann uns sogar krank machen. Spätestens dann ist professionelle Hilfe nötig.

Stress darf kein Dauerzustand sein

Wissenschaftlich betrachtet ist Stress zunächst einmal nichts als eine gesunde Reaktion des Organismus und ein Schutzfaktor, erklärt Diplom-Psychologe Roland Raible. Blitzschnell auf mögliche Gefahren reagieren – und entweder fliehen oder kämpfen – zu können, war früher für den Menschen die Voraussetzung, um zu überleben. Der Körper schüttet Hormone aus und stellt Energie bereit. Nach genau diesem Prinzip funktionieren wir heute noch, wo uns in unserem modernen Alltag zwar längst nichts mehr leibhaftig bedroht, wo aber sowohl äußere Gegebenheiten wie auch eigene Ansprüche und Gedanken als Stressoren fungieren. Schaffen wir es, die Anspannung wieder abzubauen, stellen wir unser Gleichgewicht wieder her. Hält aber die Stressreaktion an, haben wir ein Problem.

Stress entsteht auch dann, wenn die Balance zwischen Anforderungen und Ressourcen nicht mehr stimmt, erläutert Roland Raible. Langfristig überfordert man sich damit und sowohl auf seelischer wie auch auf körperlicher Ebene kommt man aus dem Tritt: Stress kann zu Kopfschmerz, Muskelverspannungen, Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit führen. Dauergestresste Menschen haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, können an depressiven Verstimmungen leiden oder die Lust am Sex verlieren. Vielen fällt am Arbeitsplatz auf, dass etwas nicht mit ihnen stimmt – sie können sich nicht mehr gut konzentrieren, haben Probleme mit den Kollegen und reagieren gereizt, sagt Raible.

Nicht warten, bis man ausgebrannt ist

Wer das Gefühl hat, überfordert zu sein, sollte so früh wie möglich professionelle Hilfe suchen, raten Experten. Roland Raible macht die Erfahrung, dass Patienten oft erst zu ihm kommen, wenn sie bereits ausgebrannt sind. In diesem Zustand nützen dann auch Atemübungen oder Yoga nichts mehr, so der Psychologe. Entspannungstechniken, Auszeiten im Alltag, Hobbys und Gespräche mit Freunden – all das sollte man erlernen oder umsetzen, bevor man Stress bekommt, beziehungsweise damit man genau das verhindert. Ist allerdings ein kritischer Punkt überschritten, greifen solche Maßnahmen allein meist nicht mehr. Wo dieser Punkt liegt, kann individuell ganz verschieden sein: Jeder Mensch hat eine andere Stresstoleranz.

Was Angehörige tun können

Häufig sind es auch Freunde oder Angehörige, denen auffällt, dass jemand sein Leben nicht mehr im Griff hat. Egal, ob jemand über körperliche Beschwerden klagt, sich mehr und mehr zurückzieht, Ärger am Arbeitsplatz hat oder die Freude an Dingen verliert, die ihm früher wichtig waren: „Auf jeden Fall das Gespräch suchen“, rät Roland Raible. Vermeintlich gute Ratschläge seien der falsche Ansatz – man sollte vermeiden, den anderen in eine Position zu drängen, in der er sich angegriffen fühlt. Ebenfalls nicht hilfreich: Jemanden zu überreden versuchen, sich helfen zu lassen. Stattdessen sollte man interessiert sein an den Problemen des anderen und zum Beispiel nachfragen, ob derjenige seine Lage denn selbst als Problem sieht. „So findet sich vielleicht eine kleine Tür, die sich öffnen lässt“, sagt Raible.