Noch nicht erwachsen und schon ausgebrannt?

Emotionale Versteinerung und sozialer Rückzug können Symptome für eine Erschöpfungsdepression bei Kindern und Jugendlichen sein. (Foto: fasphotographic / Fotolia)
Emotionale Versteinerung und sozialer Rückzug können Symptome für eine Erschöpfungsdepression bei Kindern und Jugendlichen sein. (Foto: fasphotographic / Fotolia)

In jeder zweiten Schulklasse sitzt ein Kind oder Jugendlicher mit Erschöpfungsdepression

(dbp/mhk) Gibt es „Burnout“ schon bei Kindern? Die Bella-Studie, die das Robert-Koch-Institut gemeinsam mit Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf durchführte, ermittelte, dass etwas mehr als fünf Prozent der Jungen und Mädchen im Alter von 7 bis 17 Jahren an Depressionen leiden, mehr als zehn Prozent haben Ängste. Bei etwa 20 bis 30 Prozent dieser Kinder und Jugendlichen geht man von Erschöpfungsdepressionen aus. Einer von 60 Schülern leidet darunter. In jeder zweiten Klasse sitzt also ein „ausgebranntes“ Kind.

In den meisten Fällen handelt sich um eine „stille“ Depression oder Erschöpfungsdepression, erklärt Dr. Ulrich Fegeler, Kinderarzt und Bundespressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Meist ist es Überforderung, mit der Kinder nicht mehr klar kommen. Ein Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und persönlichen Ressourcen, das unweigerlich zu Erschöpfung führt.“

Leistungsdruck schon bei Siebenjährigen

Mögliche Ursachen seien der Leistungsdruck, der heutzutage bereits in der Grundschule herrsche, Mobbing im Schulalltag oder auch ein vollgepackter Freizeit-Wochenplan, kurz: Stress. „Ebenfalls können ein ungünstiger familiärer Hintergrund, also etwa Alkoholprobleme der Eltern, Trennungen, Misshandlungen oder andere Probleme Auslöser sein.“ Schon Siebenjährige, die sich dem Druck nicht gewachsen fühlen, seien gefährdet. „Wer nichts leistet, hat verloren, das lernen Kinder heute von klein auf“, sagt Fegeler.

Rückzug als gesunde Reaktion

Wenn Kinder sich daraufhin zurückziehen, sei das zunächst eine gesunde Reaktion, denn es komme einem Zurückfahren gleich. Erste Anzeichen: Kinder verlassen nicht mehr das Bett, schlafen unruhig, schotten sich ab, vergraben sich mit Spielen am PC oder vor dem Fernseher. Sie wollen nicht zur Schule gehen, ziehen sich von Gleichaltrigen zurück, resignieren vor jeder Leistung oder leiden unter Angst- und Panikattacken.

„Bei Vorschulkindern kommt der Leistungsgedanke erst langsam auf und ist noch viel mehr eingebunden in das Gesamtempfinden gegenüber der Umwelt des Kindes. Es ist auch noch vermehrt abhängig von den primären Bezugspersonen, also in der Regel von den Eltern, und der Art ihrer Beziehung zum Kind“, ergänzt der Kinder-und Jugendarzt, Kinderneurologe und Psychotherapeut Dr. Harald Tegtmeyer-Metzdorf. „Nicht selten werden diffuse Bauch- oder Kopfschmerzen geäußert.“ Weitere Symptome seien gedrückte Stimmung, häufiges Weinen oder emotionale Versteinerung, sozialer Rückzug, Schuldgefühle, Grübeln, Essstörungen – vor allem mit Appetitminderung – und Schlafprobleme.

Den individuellen Auslöser finden

Entscheidend ist, den individuellen Auslöser zu finden. Hierbei können Kinder- und Jugendärzte oder -Psychiater helfen. Eine passende Therapie sollte im Rahmen einer guten Vernetzung mit Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Familienberatungsstellen, psychotherapeutisch arbeitenden Kinder- und Jugendärzten oder sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) gesucht werden.

Die Eltern selbst können ihren Kindern ebenfalls helfen. „In vielen Fällen ist es hilfreich, den Tag oder die Woche übersichtlich zu strukturieren oder den einen oder anderen Termin beim Sportverein oder in der Musikschule zu streichen“, rät Dr. Tegtmeyer-Metzdorf. Seine Empfehlung: „Weniger Leistungsdruck, mehr Ruhephasen, Bewegung, ein vernünftiges Maß finden“. Auch gezielt organisierte Unterstützung aus dem sozialen Umfeld sowie Entspannungs- und Konzentrationsübungen können hilfreich sein.

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Interview mit Dr. med. Ulrich Fegeler, Bundesspressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ) Gespräch geführt am 15.10.2014; Interview mit Dr. med. Dipl. Psych. Harald Tegtmeyer-Metzdorf, Kinder- und Jugendarzt, Schwerpunkt Neuropädiatrie, Psychotherapie , Sprecher des Ausschusses für Psychosomatik und Psychotherapie im BVKJ, Vertretendes Mitglied im Beratenden Fachausschuss für Psychotherapie in der KV Bayern, 2. Vorsitzender der Vereinigung psychotherapeutisch tätiger Kassenärzte (VPK), Sprecher des Dachverbands Psychosomatik und ärztliche Psychotherapie in den somatischen Fachgebieten (DPÄP), Mitglied des Kreistags Lindau, des Jugendhilfeplanungs- und des Jugendhilfeausschusses, Gespräch geführt am 17.11.2014; Informationen des BVKJ www.kinderaerzte-im-netz.de/vorsorge/, www.hilfe-bei-burnout.de/ "BEfragung zum seeLischen WohLbefinden und VerhAlten“ (BELLA), www.bella-study.org/, vom Deutschen Stifterverband und Bundesministerium für geförderte Studie zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, durchgeführt von der Forschungssektion Kinder- und Jugendgesundheit, www.child-public-health.org, am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer und Dr. Fionna Klasen, www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GesundAZ/Content/B/Bella/Bella.html; Alle Infos Stand November 2014