Nach dem Sturz ins Pflegeheim? Nicht unbedingt!

Geriatrische Kliniken oder Reha-Einrichtungen haben sich auf die Bedürfnisse älterer Patienten spezialisiert. (Foto: A. Raths/Fotolia)
Geriatrische Kliniken oder Reha-Einrichtungen haben sich auf die Bedürfnisse älterer Patienten spezialisiert. (Foto: A. Raths/Fotolia)

Eine geriatrische Behandlung hilft älteren Patienten, ihre Selbstständigkeit zu erhalten

(dbp/spo) Ein schwerer Sturz, ein gebrochener Oberschenkel, eine Operation. Für alte Menschen beginnt nach einem solchen Unfall oft eine Abwärtsspirale, die mit dem Umzug ins Pflegeheim endet. Um das zu verhindern, gibt es geriatrische Kliniken und Reha-Einrichtungen, die sich auf die Behandlung älterer Patienten spezialisiert haben.

„Es kommt nicht darauf an, wie alt wir werden, sondern wie wir alt werden“, sagt Dr. Antje Kloth, Geriaterin am Tessinum Therapiezentrum für Geriatrie und Schlaganfall in der Nähe von Rostock. Und damit bringt sie das Ziel der Geriatrie auf den Punkt: Es geht nicht darum, alle vorhandenen Krankheiten zu heilen, sondern das größtmögliche Pensum an Selbstständigkeit zu erhalten. Denn: „Selbstständigkeit ist ein Maß für gute Lebensqualität.“

So sollten etwa Patienten mit Oberschenkelhalsbruch „am Tag nach der Operation wieder auf die Beine gestellt werden“, sagt Dr. Kloth. Übungen im und am Bett helfen, Muskelmasse zu erhalten, die sonst später mühsam wieder aufgebaut werden muss. Das erklärt auch der frühere Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG), Professor Dr. Joachim Schulz. Und weiter: „Wir möchten eine Pflegebedürftigkeit vermeiden. Jedenfalls steht der Wunsch, zurück nach Hause entlassen zu werden, bei meinen Patienten fast immer auf Platz eins.“

Die ganze Lebenssituation betrachten

Der Weg dorthin ist individuell verschieden. Denn auch wenn der Grund für die Klinikeinweisung gleich ist, befindet sich jeder Patient in einer anderen Situation. Gerade alte Menschen haben oft mehrere behandlungsbedürftige Krankheiten gleichzeitig. Teils sind ihre motorischen und geistigen Fähigkeiten noch gut, teils schon sehr eingeschränkt. Manche haben eine Familie oder Freunde, die sich fürsorglich kümmern. Andere wiederum sind ganz allein.

Die Geriatrie betrachtet nicht nur eine Krankheit, sondern die gesamte Lebenssituation. Dafür ist Teamarbeit nötig. Ärzte verschiedener Fachrichtungen, Therapeuten und Pfleger müssen zusammenarbeiten, so die DGG. Und: Das Wissen um die Besonderheiten älterer Patienten muss vorhanden sein. Denn oft zeigen sich Krankheiten im Alter mit einem veränderten Erscheinungsbild, oft dauert es länger, bis Therapien anschlagen, oft wird soziale Unterstützung gebraucht.

Keine flächendeckende Versorgung

Und manchmal muss man einfach nur zuhören, wie das Beispiel einer älteren Dame zeigt, von der Dr. Kloth berichtet: Die Frau wurde nach einem Oberschenkelhalsbruch in der Geriatrie behandelt, hat wieder laufen gelernt, war aber weiterhin unsicher und klagte über Doppelbilder. Eines Tages erzählte sie von ihrer netten Nachbarin, die ihr eine alte Gleitsichtbrille geschenkt hatte. Die passte natürlich überhaupt nicht zur Sehstärke der Patientin…

Manchmal können geriatrische Lösungen also auch ganz einfach sein. Wäre man der Sache mit den Doppelbildern nicht nachgegangen, „wäre die Dame sicher bald wieder gestürzt“, so Dr. Kloth.

Idealerweise würden Patienten über 70 also im Krankenhaus in eine geriatrische Abteilung kommen und danach in einer stationären geriatrischen Reha-Einrichtung oder von einem mobilen geriatrischen Reha-Team weiterbehandelt. „Doch nicht alle dieser wunderbaren Versorgungseinrichtungen gibt es an jedem Ort“, sagt Dr. Kloth. Ein Wermutstropfen, denn mehreren Studien haben bereits gezeigt, dass eine geriatrische Versorgung die Zahl der Einweisungen ins Pflegeheim tatsächlich verringern kann.