Mit Schlagern gegen das Vergessen

Musik kann Erinnerungen wecken, die verschüttet schienen. (Foto: Oleksii Sergieiev / Fotolia)
Musik kann Erinnerungen wecken, die verschüttet schienen. (Foto: Oleksii Sergieiev / Fotolia)

Musiktherapie kann die Lebensqualität von Demenzkranken deutlich verbessern

(dbp/wgt) Wenn ältere Menschen an Demenz erkranken, dann schwindet mit dem Gedächtnis in den meisten Fällen auch die Sprach- und Handlungsfähigkeit. Am Ende stehen Einsamkeit und Isolation. Um dem entgegenzuwirken, setzen viele Pflegeeinrichtungen auf Musiktherapie. Denn das gemeinsame Singen, Musizieren oder Musikhören bringt lange verschüttete Erinnerungen zurück und hilft, Kontakte zu den Mitmenschen zu knüpfen.

„Gerade für diejenigen, die auf Grund kognitiver Einschränkungen kaum noch zu anderen Aktivitäten im Stande sind, ist Musiktherapie hilfreich für die Aktivierung und die soziale Integration“, betont die Musiktherapeutin Ulrike Linden.

Musik aktiviert das emotionale Gedächtnis

Die Musiktherapie setzt auf das emotionale Gedächtnis der Patienten. Dort haben sich die Musikerfahrungen der Jugendzeit fest eingegraben und mit ihnen die damit verbundenen Erinnerungen an glückliche oder traurige Erlebnisse, sei es die unerfüllte Liebe oder der erste Kuss. Erklingen die alten Schlager, Lieder und Melodien aufs Neue, dann helfen sie dem Gedächtnis auf die Sprünge, selbst wenn die Demenzerkrankung bereits fortgeschritten ist. Vergessen geglaubte Schlagertexte sprudeln aus dem Gedächtnis hervor, Melodien sind plötzlich wieder präsent und mit ihnen die Erinnerungen an weit zurückliegende Erfahrungen. Mit den Erinnerungen kehren dann nicht selten auch die Worte zurück.

Singen und Tanz vermitteln Geborgenheit

Gleichzeitig weckt Musik das Gefühl für Rhythmus und Takt und regt zur Bewegung an. Ob beim gemeinsamen Wiegen und Klatschen im Takt oder eng umschlungen beim Tanz – in geselliger Runde hilft Musik, die Einsamkeit zu überwinden und gibt Demenzkranken ein Gefühl der Nähe, Geborgenheit und Sicherheit.

Neben dem Singen und Tanzen hat auch das aktive Musizieren seinen festen Platz im musiktherapeutischen Angebot für Menschen mit Demenz. Oft genügen schon einfache Taktinstrumente wie Trommeln oder Klanghölzer, mitunter kann die Auswahl jedoch erweitert werden „durch Instrumente, die eine generationsspezifische Bedeutung haben“ wie Mundharmonika und Akkordeon, betonen die Musiktherapeutinnen Dr. Barbara Keller und Dr. Rosemarie Tüpker.

Wissenschaftler belegen Wirksamkeit

Dass die Musiktherapie positive Wirkungen auf die Lebensqualität von Demenzkranken hat, war aus der musiktherapeutischen Praxis seit langem bekannt, wissenschaftlich allerdings nur wenig belegt. Im vergangenen Jahr gelang Psychologen der Frankfurter Goethe-Universität erstmals auch der empirische Nachweis. In ihrer Studie beobachtete die Forschergruppe um den Musikwissenschaftler und Psychologen Arthur Schall, dass sich die nonverbale Kommunikation und der emotionale Ausdruck selbst bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz im Verlauf einer sechsmonatigen Musiktherapie deutlich verbesserten.

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Goethe-Universität Frankfurt am Main (2013): Demenz: Musik hilft, wenn die Worte fehlen. Musiktherapie fördert Wohlbefinden und emotionalen Ausdruck. Pressemitteilung vom 27.08.2013. Online: http://www.muk.uni-frankfurt.de/47750439/209; Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz (Hg.) (o.J.): Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Demenz und Musik. Online: https://www.lzg-rlp.de/fileadmin/pdf/MusikDemenz1seitig.pdf; Linden, Ulrike (2005): Kommunikationsinstrument Musik. Musiktherapie im Altenpflegeheim. In: Füsgen, Ingo (Hg.): Musik- und Kunsttherapie bei Demenz. 16. Workshop des „Zukunftsforum Demenz“ 24. November 2004 in Schwelm. Dokumentationsreihe, Bd. 12. Online: http://www.zukunftsforum-demenz.de/pdf/Doku_12_innen.pdf; Sandte, Peter (o.J.): „Schläft ein Lied in allen Dingen...“ Biografieorientierte Musiktherapie mit BewohnerInnen einer Gerontopsychiatrie. Fachvortrag. Online: http://www.musiktherapie.uni-siegen.de/forum/erwachsene/vortraege/439_sandte.pdf; Tüpker, Rosemarie/Keller, Barbara (2009): Musiktherapie mit alten Menschen. In: Decker-Voigt, Hans-Helmut/Weymann, Eckhard (Hg.): Lexikon Musiktherapie. 2. überarb. u. erw. Aufl. Göttingen: Hogrefe Verlag, S. 341-345; alle Informationen abgerufen im Februar 2014