Mit dem Draht bis ins Gehirn

Mit dem Stent-Retriever kann nach einem Schlaganfall das Blutgerinnsel im Gehirn entfernt werden. (Foto: Aktion Meditech)
Mit dem Stent-Retriever kann nach einem Schlaganfall das Blutgerinnsel im Gehirn entfernt werden. (Foto: Aktion Meditech)

Die Kathetertherapie kann Folgeschäden eines schweren Schlaganfalls deutlich reduzieren

(dbp/wgt) Nach einem Schlaganfall zählt jede Minute. Denn je früher die lebensgefährliche Durchblutungsstörung im Gehirn behandelt wird, umso größer sind die Heilungschancen. Deshalb muss das Blutgerinnsel, das die großen Hirnarterien verstopft, so schnell wie möglich aufgelöst werden. In der Regel verabreichen die behandelnden Ärzte dazu Medikamente.

Ist das Blutgerinnsel jedoch sehr groß, lässt sich die Blockade der Arterien mit Thrombolyse-Medikamenten allein nicht beseitigen. Neuroradiologen versuchen deshalb immer häufiger, den Pfropf mit einem Mikro-Katheter zu entfernen, der von der Leiste aus bis ins Gehirn geschoben wird. Mit einem körbchenartigen Drahtgeflecht an der Spitze des Katheters, auch Stent-Retriever genannt, wird das Blutgerinnsel dann aus der Arterie herausgezogen.

Kombination von Medikamenten und Katheter

Das Verfahren, das in spezialisierten Neurozentren mit Stroke Unit, Neuroradiologie und neurologischer Intensivstation bereits seit einigen Jahren zur Anwendung kommt, wird derzeit allerdings noch als experimentelle Therapie eingestuft. Denn bislang fehlt der wissenschaftliche Beweis für die Vorteile der Kathetermethode. Das könnte sich jedoch bald ändern. Neue Studien haben gezeigt, dass die Katheterbehandlung in Kombination mit der Thrombolysetherapie deutlich bessere Ergebnisse liefert als die medikamentöse Therapie allein.

In allen drei Studien erhielten die Schlaganfallpatienten Thrombolyse-Medikamente. Bei der Hälfte der Betroffenen kam außerdem der Mikro-Katheter zum Einsatz. Durch die Kombination von Medikamenten und Katheter wurden die Behandlungserfolge um 20 bis 30 Prozent gesteigert. „Die Behandlung konnte nicht alle Behinderungen vermeiden, doch drei von fünf Patienten gewannen dank der Behandlung ihre funktionelle Unabhängigkeit zurück“, erläutert Professor Joachim Röther, Chefarzt an der Asklepios Klinik in Hamburg-Altona. Für die Patienten hieß das: „Sie waren 90 Tage nach dem Schlaganfall im Alltagsleben nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen“, so Röther.

Zeitfaktor bleibt entscheidend

Auch für den Erfolg der Katheterbehandlung ist entscheidend, dass sie so früh wie möglich durchgeführt wird. „Die Studien zeigen, dass diese Therapie in einem Zeitfenster von sechs Stunden nach Beginn der Schlaganfallsymptome – selten auch noch danach – sinnvoll ist“, erklärt Professor Hans-Christoph Diener, Direktor der Klinik für Neurologie am Uniklinikum Essen. Zwei weitere Voraussetzungen müssen laut Diener für den Erfolg versprechenden Einsatz des Katheters außerdem erfüllt sein: Das Blutgerinnsel muss mittels Computer- oder Kernspin-Angiographie sicher geortet werden können und das geschädigte Hirnareal darf nicht zu groß sein.

Rund 10.000 Patienten mit einem schweren Schlaganfall könnten jährlich in Deutschland durch den rechtzeitigen Einsatz des Katheters vor schwerwiegenden Beeinträchtigungen bewahrt werden, schätzen die medizinischen Fachgesellschaften. Dazu müsse jedoch die Zuweisung der für die Behandlung infrage kommenden Patienten in die entsprechend ausgestatteten Neurozentren verbessert werden, betont Professor Diener. Die von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) ins Leben gerufenen Neurovaskulären Netzwerke, in denen mehrere Kliniken mit einem Neurozentrum zusammenarbeiten, böten dafür die „optimale Versorgungsstruktur“.