Mensch bleiben unter unmenschlichen Bedingungen

Die Palliativmedizin redet den Tod nicht schön, kann aber ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen. (Foto: Vera Kuttelvaserova / Fotolia)
Die Palliativmedizin redet den Tod nicht schön, kann aber ein menschenwürdiges Sterben ermöglichen. (Foto: Vera Kuttelvaserova / Fotolia)

Die Palliativmedizin hat zum Ziel, Lebensqualität auch beim Sterben zu ermöglichen

(dbp/auh) Palliativmedizin – was ist das eigentlich? Der Begriff „palliativ“ ist dem lateinischen Wort „pallium“ entlehnt und bedeutet „Mantel“ oder „Decke“. „Palliativmedizin schützt den (sterbenden) Menschen, umgibt ihn gleichsam mit einem Mantel, bewahrt ihn davor, von Schmerzen und nachlassenden Funktionen zerstört zu werden.“ So formulierte es der Freiburger Theologe Professor Franz Josef Illhardt im Jahr 1996.

Zu jener Zeit gab es in ganz Deutschland 28 Palliativstationen in Kliniken und 30 stationäre Hospize. Heute sind es nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) mehr als 250 Palliativstationen und rund 200 Hospize. Hinzu kommen über 1.500 ambulante Hospiz- und Palliativdienste, die es schwerstkranken Menschen ermöglichen, in der gewohnten Umgebung zu sterben.

Wenn Ärzte nicht mehr heilen können

„Inzwischen ist die Palliativmedizin ein unverzichtbarer Bestandteil der Krankenversorgung und Lehrfach in der medizinisch-universitären Ausbildung“, teilt die DGP mit. Pflichtfach im Medizinstudium ist die Palliativmedizin allerdings erst seit vier Jahren. Und für viele Ärzte ist es auch heute noch schwierig, ihre Aufgabe nicht nur in der Heilung, sondern auch in der Sterbebegleitung zu sehen. Verständlich, wenn der Tod eines Patienten als Niederlage gedeutet wird, als Versagen.

Dr. Thomas Binsack, Gründungsmitglied der DGP, erinnert sich an die Anfänge der Palliativmedizin in Deutschland: „Noch Anfang der 80er Jahre galt in der Onkologie uneingeschränkt das Motto „Therapieren bis zuletzt“. Das Thema Sterben war hier vollkommen ausgeblendet.“ Tatsächlich, so berichten Kenner, wurden in manchen Kliniken „austherapierte“ Patienten zum Sterben ins Bad geschoben.

Mehr als Schmerzmedizin

Gegen diesen Umgang mit schwerstkranken Menschen richtet sich die Palliativmedizin. Dabei handelt es sich um ein multidisziplinäres Konzept. Das heißt, Ärzte und Therapeuten verschiedener Fachrichtungen, Pflegende, Psychologen, Geistliche und weitere Berufsgruppen sorgen für eine ganzheitliche Begleitung. Natürlich steht die medizinische Behandlung – soweit erforderlich – an erster Stelle. Schmerzen, Atemnot und Übelkeit sind die häufigsten körperlichen Beschwerden, erklärt Karin Dlubis-Mertens, die bei der DGP für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist.

Aber Palliativmedizin ist mehr. Sie umfasst auch die psychosozialen und spirituellen Bedürfnisse des Menschen. Dieser ganzheitliche Ansatz verfolgt das Ziel, dem Patienten und seinen Angehörigen bei der Krankheitsbewältigung zu helfen und seine Lebensqualität zu verbessern und seine Autonomie zu respektieren.

Dabei geht es nicht um die Verlängerung der Lebenszeit um jeden Preis, sondern um die Betrachtung des Sterbens als natürlichen Prozess. Sowohl die DGP als auch der Deutsche Hospiz- und Palliativverband lehnen jede Form von aktiver Sterbehilfe kompromisslos ab. Der Tod wird aber keinesfalls „schöngeredet“. Professor Illhardt formulierte es so: Die Palliativmedizin muss dem Menschen dabei helfen, unter unmenschlichen Bedingungen Mensch zu bleiben.