Mein Kind hat ein Syndrom

Werden Schwerhörigkeiten bei Kindern mit Down-Syndrom (Trisomie 21) frühzeitig behandelt, können sich diese sprachlich erstaunlich gut entwickeln. (Foto: denys_kuvaiev / Fotolia)
Werden Schwerhörigkeiten bei Kindern mit Down-Syndrom (Trisomie 21) frühzeitig behandelt, können sich diese sprachlich erstaunlich gut entwickeln. (Foto: denys_kuvaiev / Fotolia)

Angeborene Fehlbildungen können Hör- und Sprachentwicklung behindern.

(dbp/mhk) Unter Syndrom versteht man eine Krankheit, bei der verschiedene Krankheitssymptome in einer typischen Kombination vorliegen. „Oftmals ist die Ursache eine genetische Störung, doch es gibt auch nicht-genetische Syndrome“, erklärt Prof. Dr. med. Rainer Schönweiler, Leiter der Sektion für Phoniatrie und Pädaudiologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. „Da die Gene für die Anlage von Ohrmuschel, Gehörgang, Mittelohr, Innenohr, Hörnerv und Gehirn auf vielen Chromosomen verteilt sind, ist bei sehr vielen Syndromen zusätzlich mit verschiedenen Hörstörungen und folglich mit Störungen in der Sprachentwicklung zu rechnen.“

Betroffene Kinder frühzeitig behandeln

Kinder mit Down-Syndrom (Trisomie 21) haben beispielsweise zu etwa 90 % wechselnde und wechselseitige Mittelohrschwerhörigkeiten durch Paukenergüsse. Die Sprachentwicklung wird erheblich gestört, weil die Kontinuität des normalen Hörens unterbrochen wird und die Kinder die zu erlernende Sprache stets anders wahrnehmen. „Deshalb sollte man immer zunächst diese Schwerhörigkeiten beseitigen – mit einer Entfernung der Rachenmandel (Adenotomie) – und, wegen oft gleichzeitiger Störung der Mundmotorik, Einlage von Paukenröhrchen.“ Kinder mit angeborenen Mittelohrfehlbildungen, die den Schalltransport in das Innenohr dauerhaft behindern, können entweder mit Hörgeräten versorgt werden, oder das Mittelohr wird operativ „repariert“.

„Einige Kinder mit Down-Syndrom (etwa 10 %) haben zusätzliche, meist geringgradige Innenohrschwerhörigkeiten, die mit konventionellen Hörgeräten, sog. HdO-Geräte (Hinter-dem-Ohr-Geräte), vom Pädakustiker (Kinderakustiker) versorgt werden können. Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Taubheit, bei Down-Syndrom aber selten, müssen elektrische Hörimplantate (Cochlea-Implantate) verwendet werden.“ Werde das Hörvermögen derart optimiert, könnten sich viele Kinder sprachlich erstaunlich gut entwickeln. „Doch bei vielen Syndromen, auch beim Down-Syndrom, kann man selbst mit jahrelanger Sprachtherapie die Probleme nie 100-prozentig beheben. Manchmal muss man sich mit Restsymptomen einer Sprachentwicklungsstörung abfinden“, so der Experte.

Neugeborenen-Hörscreening kann Aufschluss geben

Starke mundmotorische Entwicklungsstörungen, die sich durch starken Speichelfluss („Sabbern“), offenen Mund, unkontrollierbarer oder heraushängender Zunge oder  Trinkschwäche, kraftloses Beißen und Kauen äußern, „sollten frühzeitig durch Trink- und Esstherapie oder Regulationstherapie behandelt werden. Eine weitere Möglichkeit:  eine spezielle Mundplatte (Stimulationsplatte nach Castillo-Morales), die eine interdental (zwischen den Frontzähnen liegende) Zunge in den Mundraum zurückholt und damit den für die Entwicklung einer normalen Mundmotorik so wichtigen Mundschluss herbeiführt.“ Schwere Aussprachstörungen, z. B. beim Angelmann-Syndrom, ließen sich nicht beheben.

„Das Neugeborenen-Hörscreening ist eine wichtige Vorsorgeuntersuchung, ohne die die Frühbehandlung angeborener Schwerhörigkeiten nicht möglich wäre, doch es kann nicht jede Schwerhörigkeit entdecken“, so der Experte. Geringgradige und später entstehende Schwerhörigkeiten, die Kinder mit Syndromen nicht so gut ausgleichen können wie sonst gesunde, können damit nicht entdeckt werden. Daher seien fortlaufende Untersuchungen des Hörvermögens bei Kindern mit Syndromen so wichtig.