Magen und Darm spiegeln den Seelenzustand

Ängste und Sorgen können Bauchschmerzen machen. (Foto: Bilderbox)
Ängste und Sorgen können Bauchschmerzen machen. (Foto: Bilderbox)

Die Neurogastroenterologie erforscht das Zusammenspiel von Kopf und Bauch

(dbp/auh) Die Gefühlswelt und der Verdauungstrakt – bei vielen Menschen bilden sie eine Einheit. Unzählige Sprichwörter belegen das enge Zusammenspiel, seien es die Schmetterlinge (oder sogar Flugzeuge) im Bauch bei frisch Verliebten, die Liebe, die durch den Magen geht oder der Ängstliche, der sich in die Hosen macht. Nicht nur Magen und Darm, sondern alle Organe, die am Verdauungsprozess beteiligt sind, werden sprichwörtlich mit dem Seelenleben in Verbindung gebracht: Mir läuft die Galle über, ihm ist eine Laus über die Leber gelaufen, das schlägt mir auf die Nieren…

Wer nicht selbst darunter leidet, der kennt jemanden, dem bei Lampenfieber übel wird oder der vor Prüfungen Durchfall bekommt. Doch woher kommen diese Symptome und wie hängt der Verdauungsapparat mit der Psyche zusammen?

Das Gehirn in der Darmwand

Der Darm oder besser: der gesamte Magen-Darm-Trakt von der Speiseröhre bis zum Enddarm ist durchzogen von einem Geflecht aus mehr als 100 Millionen Nervenzellen. Dieses enterale Nervensystem (ENS) ist ähnlich aufgebaut wie das Gehirn und steuert unabhängig vom Zentralnervensystem die Verdauungsvorgänge. Das ENS organisiert einen großen Teil der Immunabwehr, regelt die Energiegewinnung aus der Nahrung und produziert eine Vielzahl von Botenstoffen, darunter Serotonin.

Das „Bauchhirn“ kommuniziert über die sogenannte Darm-Hirnachse mit dem „Oberstübchen“. Erstaunlich: Nach Erkenntnissen des Münchner Humanbiologen Professor Michael Schemann verlaufen 90 Prozent der Kommunikationswege vom Darm zum Kopf und nur 10 Prozent vom Gehirn zum Bauch.

Beschwerden „ohne Befund“

Mit dem komplexen Zusammenspiel von zentralem, vegetativem und enterischem Nervensystem bei den Verdauungsvorgängen beschäftigt sich eine relativ junge Disziplin, die Neurogastroenterologie. Die Deutsche Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motiliät (DGNM) wurde 1981 gegründet. Mittlerweile gibt es an den meisten großen Klinken Abteilungen für dieses Fach. Viele Patienten, die unter erheblichen Magen-Darm-Störungen leiden, aber stets „ohne Befund“ vom Arztbesuch heimkehren, wären bei einem Spezialisten für Neurogastroenterologie gut aufgehoben.

Stress, Trauer und Angst sind Beispiele für mögliche Ursachen von Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Durchfall, Verstopfung, Magendrücken und Bauchkrämpfe. Im Themenheft 55 der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE) beschreiben die Autoren, was passieren kann: Stress und Ärger können die Magensäureproduktion erhöhen; Stress und Depression können die Entleerung des Magens verlangsamen und damit die Gefahr erhöhen, dass Gallensaft zurück in den Magen fließt (Galle-Reflux).

Stress könne sogar die krankmachende Wirkung des Magenkeims Helicobacter pylori verstärken. Psychische Belastungen können die Entstehung eines Magengeschwürs begünstigen und bei einem bereits bestehenden Geschwür die Heilung erschweren. Die Autoren führen als „ein gutes Beispiel“ die Zunahme von blutenden Magengeschwüren bei älteren Menschen nach dem Erdbeben 1995 in Kobe (Japan) an.