Krebszellen ins Schwitzen bringen

Krebszellen ins Schwitzen bringen

Die Hyperthermiebehandlung greift Tumoren mithilfe von Wärme an.

(dbp/spo) Temperaturen bis zu 42,5 Grad Celsius im Körper? Normalerweise würden da die Alarmglocken läuten. Nicht so, wenn es um eine Behandlung geht, bei der hohe Temperaturen dem Heilungsprozess dienen: zum Beispiel der Hyperthermie in der Krebstherapie.

Hyperthermie heißt übersetzt Überwärmung. Die Behandlungsvarianten, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden, nutzen die gezielte Überwärmung bestimmter Körperregionen, um Tumorgewebe zu schädigen oder es empfindlicher für Chemo- und Strahlentherapie zu machen. Erreicht werden die hohen Temperaturen in der Regel mittels Ultraschall oder elektromagnetischer Wellen.

Hitzeschock im Tumorgewebe

Professor Dr. Rolf Issels forscht am Kompetenzzentrum Hyperthermie der Medizinischen Klinik des Universitätsklinikums München. Die Überwärmung „ist ein sehr nebenwirkungsarmes Verfahren“, erläutert er. Im gesunden, gut durchbluteten Gewebe sei der Körper bis zu einem gewissen Grad „in der Lage, die Wärme durch die Durchblutung abzutransportieren“. Tumorgewebe hingegen sei teilweise nur schlecht oder gar nicht durchblutet, deshalb erhitzt es sich besonders stark.

Die Tumorzellen bilden laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum bei Temperaturen zwischen 41 und 43 Grad sogenannte Hitzeschockproteine. Sie dienen den körpereigenen Killerzellen als Signal, diese „angeschlagenen“ Zellen zu zerstören.

Kombination mit Chemo- oder Strahlentherapie

Doch die Hyperthermie hat noch einen anderen Effekt. „Ein Tumor hat auch Areale, die bestens durchblutet sind, sie bleiben wie das gesunde Gewebe kühl“, sagt Professor Issels. Hier fördert die Überwärmung den Blutstrom – was gewollt ist, denn so werden die Medikamente der Chemotherapie (Zytostatika) effektiver zum Tumorgewebe transportiert. Die bessere Durchblutung und damit die bessere Sauerstoffversorgung verstärken auch die Wirksamkeit der Strahlentherapie. Wegen dieser Effekte wird die Hyperthermiebehandlung immer mit einer Standard-Chemo- oder Strahlentherapie kombiniert und niemals alleine angewandt.

Zwar könnten in der Theorie alle Arten von Tumoren mit Hyperthermie behandelt werden, sagt Professor Issels – außer Tumoren in der Lunge, denn durch luftgefüllte Räume verbreiten sich die elektromagnetischen Wellen nicht. Allerdings ist die Wirkung bisher nur bei wenigen Arten erforscht, so zum Beispiel bei Krebserkrankungen der Weichteile (Sarkome), der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), des Enddarms (Rektum) oder der Brust.

Eine generelle Leistung der gesetzlichen Krankenkassen ist die Behandlung deshalb nicht. Allerdings gibt es Entgeltvereinbarungen wenn der Patient an einer klinischen Studie oder dokumentierten Fallserie teilnimmt. Dies sollte im Vorfeld mit der Krankenkasse geklärt werden.

 

Hintergrund: Hyperthermieverfahren

Hyperthermie-Anwender nutzen in der Krebstherapie verschiedene Verfahren. Die gängigsten sind die Lokale Oberflächenhyperthermie und die Regionale Tiefenhyperthermie (RHT). Am Münchner Uniklinikum, wo das Kompetenzzentrum Hyperthermie seinen Sitz hat, wird vor allem die RHT angewandt und das meist im Rahmen klinischer Studien und Fallserien. Dabei liegt der Patient in einem ringförmigen Applikator, der elektromagnetische Wellen in die Bauch- oder Beckenregion leitet. So werden tiefer liegende Tumoren zum Beispiel der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), des Enddarms oder der Prostata erreicht.

Mit der ebenso gängigen Methode der Lokalen Oberflächenhyperthermie senden die Behandler die Wellen über einen mit Wasser gefüllten Silikonapplikator direkt auf die Hautstelle, unter der der Tumor liegt. Diese Methode findet zum Beispiel bei wiederkehrenden Brustkrebstumoren (Rezidiven) Anwendung.

In Deutschland gibt es zahlreiche ambulante Praxen für Hyperthermie, aber nur wenige Kliniken, die nach den Qualitätskriterien der European Society for Hyperthermic Oncology (Europäische Gesellschaft für Hyperthermie in der Onkologie, ESHO) arbeiten. Sie sind auf der Webseite des Kompetenzzentrums Hyperthermie (www.hyperthermie.org) oder der ESHO (www.esho.info) gelistet.