Kompressionstherapie wird zu selten eingesetzt

Bei einem Ulcus cruris venosum stellt die Kompressionstherapie die Basis der Behandlung dar. (Foto: BVMed)
Bei einem Ulcus cruris venosum stellt die Kompressionstherapie die Basis der Behandlung dar. (Foto: BVMed)

Bei der Behandlung des „offenen Beins“ gibt es offenbar Defizite

(dbp/auh) Das „offene Bein“ (Ulcus cruris) ist eine chronische Wunde, die meist am Unterschenkel, seltener am Fuß, infolge von Durchblutungsstörungen auftritt. Je nachdem, ob die Venen, die Arterien oder beide Arten von Blutgefäßen geschädigt sind, wird es von Medizinern als Ulcus cruris venosum, Ulcus cruris arteriosum oder Ulcus cruris mixtum bezeichnet.

Die häufigste Ursache ist eine Venenschwäche (chronisch venöse Insuffizienz). Wenn der venöse Blutfluss gestört ist, weil zum Beispiel die Venenklappen nicht schließen, kann das Blut nicht mehr von den unteren Extremitäten nach oben zum Herzen gepumpt werden. Es staut sich in den Knöcheln, führt zu Ödemen und zu Nährstoffmangel im Gewebe. In der Folge können schon kleinste Verletzungen nicht mehr heilen.

Warnsignal: Braunfärbung der Haut

Auch ohne äußere Einwirkung kann sich eine Wunde bilden, die sich zunächst als Braunfärbung der Haut bemerkbar macht. Blutzellen werden aufgrund des überhöhten Druckes im Venensystem durch die Gefäßwände in das umliegende Gewebe gedrückt. Die Blutfarbstoffe zerfallen und werden als braune Verfärbung sichtbar, die sich nicht mehr zurückbildet. Schließlich sterben die Hautzellen ab (Nekrose) und das „offene Bein“ ist da.

Eine solche Wunde entsteht also nicht aus „heiterem Himmel“. Daher sollten alle Menschen erste Anzeichen für eine Venenschwäche ernst nehmen und bei einem der folgenden Symptome zum Arzt gehen, um die Gefäße untersuchen zu lassen: Krampfadern, Besenreiser oberhalb der Fußknöchel, abendliche Knöchelödeme, nächtliche Muskelkrämpfe, Juckreiz oder Brennen der Beine, dumpfe Schmerzen oder Spannungsgefühl in den Beinen nach langem Stehen.

Leider scheuen sich besonders ältere Menschen, mit solchen Problemen zum Arzt zu gehen, weil sie es gewohnt sind, Schmerzen auszuhalten. Oder sie glauben, es handelt sich um nicht behandelbare Alterserscheinungen. Das ist ein Irrglaube: Venenleiden müssen behandelt werden, da sie ansonsten zu Thrombosen und in der Folge zu potenziell lebensbedrohlichen Lungenembolien führen können.

Kompression ist die Basis der Therapie

Das „offene Bein“ ist keine Seltenheit. Laut „Barmer GEK Heil- und Hilfsmittelreport 2014“ litten im Jahr 2012 in Deutschland rund 210.000 Menschen an chronischen Wunden am Unterschenkel. Bei den meisten dieser Wunden handelt es sich um ein Ulcus cruris venosum. Von diesen Patienten werden nur knapp 40 Prozent mit einer Kompressionstherapie behandelt, sagte bei der Vorstellung des Reports der stellvertretende Vorstandsvorsitzender der Barmer GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker. Dabei ist laut Bundesverband Medizintechnologie die Kompressionstherapie der „wichtigste Pfeiler der kausalen Therapie“, weil nur sie die Ursache (die venöse Stauung) beheben und zur Heilung der Wunde führen kann.

Das bestätigt Ullrich-Peter Katz, Chefarzt einer Bochumer Privatklinik für Venenerkrankungen, im Interview mit dem Online-Gesundheitsmagazin www.rheinruhrmed.de: „Unabhängig davon, was ich auf die Wunde lege, besteht bei Patienten mit einer offenen Stelle ein Überdruck im Bein, der in jedem Fall beseitigt werden muss. Täglich und, wenn es sein muss, auch mehrfach täglich legen wir deshalb ganz spezielle Kompressionsverbände an, mehrlagig und sehr fest. Die Wundauflage ist dabei von untergeordneter Bedeutung“, betont der Experte.

Wichtig: Ist das „offene Bein“ nicht venös, sondern arteriell bedingt, zum Beispiel in Folge der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK, „Schaufensterkrankheit“), darf in der Regel keine klassische Kompressionstherapie durchgeführt werden.