Jeder Mensch tickt anders

Für extreme Eulen ist frühes Aufstehen eine Qual. (Foto: Focus Pocus LTD / Fotolia)
Für extreme Eulen ist frühes Aufstehen eine Qual. (Foto: Focus Pocus LTD / Fotolia)

Gene legen Schlafbedürfnis fest: Frühaufsteher und Morgenmuffel können nicht aus ihrer Haut

(dbp/auh) Es gibt Eulen und es gibt Lerchen – nicht nur im Tierreich. Diese anschaulichen Typisierungen nutzen Chronobiologen, um Menschen je nach ihren verschiedenen, angeborenen Schlafpräferenzen zu kategorisieren.

Jeder kennt diese Typen: Die einen, die morgens nicht aus dem Bett kommen, erst ab mittags richtig leistungsfähig werden, und abends die besten Ideen haben. Und die anderen, die schon im Morgengrauen aufwachen, spätestens am Vormittag zur Höchstform auflaufen und abends am liebsten zeitig schlafen gehen.

Es gibt extreme Eulen, extreme Lerchen und jede Menge „Chronotypen“ dazwischen. Der Chronotyp ist eine Ausprägung der inneren Uhr, die viele physiologische und biochemische Prozesse, aber auch bestimmte Verhaltensweisen eines Menschen in Zyklen ablaufen lässt. Anders, als viele (Lerchen) vermuten, sind Langschläfer und Morgenmuffel also keineswegs faul oder antriebsschwach. Die unterschiedlichen Chronotypen sind genetisch festgelegt.

Gentest ermittelt Chronotyp

Professor Achim Kramer von der Berliner Charité entwickelte vor rund sechs Jahren eine Art Gentest zur Ermittlung des Chronotyps. Bei Patienten mit Schlafstörungen wurden Hautzellen entnommen und kultiviert. Die in der Zellkultur befindlichen sogenannten Uhr-Gene wurden in Abhängigkeit von der Tageszeit hinsichtlich ihrer Aktivität beobachtet. Mit einem Fragebogen bestimmten die Forscher, zu welcher Tageszeit die Probanden verschiedene Aufgaben lieber durchführen. Das Ergebnis: Sind die Gene aktiv, ist es der Mensch auch. „Allein am Verlauf der Kurven können wir vorhersagen, ob es sich um einen Frühaufsteher oder Langschläfer handelt“, sagte Professor Kramer.

Auch Schlafdauer ist genetisch festgelegt

Die Uhr-Gene bestimmen nicht nur, ob jemand ein früher Vogel oder eher nachtaktiv ist, sondern legen auch die individuell verschiedene, optimale Schlafdauer fest. Das hat eine internationale Forschergruppe im Jahr 2010 ermittelt, zu der auch Professor Till Roenneberg gehörte, Leiter des Zentrums für Chronobiologie an der Universität München. „Manche Menschen brauchen einfach mehr Schlaf“, betont Professor Roenneberg und weist darauf hin, dass Schlaf ein biologisches Bedürfnis sei, das befriedigt werden müsse, um gesund und leistungsfähig zu bleiben. Chronischer Schlafmangel könne schwerwiegende Erkrankungen wie Diabetes, das metabolische Syndrom und Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen.

Extreme Eulen leben gefährlich

Insbesondere extreme Eulentypen gefährden also ernsthaft ihre Gesundheit, wenn sie sich dem von der Gesellschaft geforderten Zeitmuster unterwerfen. Bezogen auf unsere sozialen Zeiten seien die meisten Menschen heutzutage eher Eulen, teilt das Münchner Zentrum für Chronobiologie mit. „Wir schätzen, dass bis zu 80 Prozent der Populationen in den westlichen Ländern unter einer Diskrepanz zwischen der inneren Uhr und den Anforderungen aus frühem Schulbeginn, Arbeit und auch Freizeitstress leiden“, erklärt Professor Roenneberg. Er nennt diese Diskrepanz sozialer Jetlag: „Er ist dem Jetlag vergleichbar, den wir nach Flügen über Zeitzonen erfahren, nur begleitet er die Betroffenen meist ein Leben lang.“