Ist völlige Plaquefreiheit möglich?

Interdentalbürstchen sollten optimal zur Größe der jeweiligen Zahnzwischenräume passen. (Foto: Christoph Hähnel / Fotolia)
Interdentalbürstchen sollten optimal zur Größe der jeweiligen Zahnzwischenräume passen. (Foto: Christoph Hähnel / Fotolia)

Bakterien, die Parodontitis verursachen, können nur schwer komplett beseitigt werden

(dbp/auh) „Wir haben es in der Praxis hauptsächlich mit zwei Krankheiten zu tun: Karies und Parodontitis“, sagt Ralf Petersen, Zahnarzt aus Trier. Beide Krankheiten werden von Bakterien verursacht, die sich in der Mitte der Zahnzwischenräume ansiedeln: bei Karies zu 70 Prozent, bei Parodontitis zu 100 Prozent, so Petersen. Zur Vorbeugung und auch bei der Behandlung der Parodontitis hat die effektive Reinigung der Zahnzwischenräume daher oberste Priorität.

Um eine vollständige Zahngesundheit zu erhalten oder zu erzielen, muss die Plaquebildung verhindert werden. Plaque wird der Biofilm genannt, den die Bakterien in der Mundhöhle bilden, wenn man sie in Ruhe lässt. Bakterien kann man nicht wegspülen, sie müssen rein mechanisch beseitigt werden.

Nach 24 Stunden sind die Bakterien wieder da

Für Ralf Petersen steht fest, dass mit den üblichen Zahnputz-Methoden keine wirksame Parodontitis-Prophylaxe gelingen kann. Lediglich nach einer Professionellen Zahnreinigung sind die Zahnzwischenräume vom Biofilm befreit – „für 24 Stunden“, wie der Zahnarzt hinzufügt. Danach beginnt die Bakterienbesiedelung erneut. „Wenn Sie sich die bauchige Form des Zahnzwischenraums vorstellen, dann erkennen Sie leicht, dass Zahnseide hier nichts ausrichten kann“, so Petersen. Und was ist mit den Interdentalbürstchen, die man doch in jeder Drogerie in verschiedenen Größen kaufen kann?

Die hält er im besten Fall für sinnlos, nämlich wenn sie zu klein sind oder so viel zu groß, dass man damit gar nicht zwischen die Zähne kommt. „Sind sie aber nur ein bisschen zu groß, dann können sie erheblichen Schaden anrichten“, warnt der Zahnarzt, der überzeugt davon ist, mit seinem „Solo-Prophylaxe-Konzept“ die Lösung für all diese Probleme entwickelt zu haben. Mehr als 350 Zahnärzte in Deutschland bieten ihren Patienten dieses Prophylaxe-Konzept an, das kurz gefasst so aussieht:

Wo es blutet, ist der Zahn krank

Statt der normalen elektrischen oder Handzahnbürste kommt eine kleine Einbüschelbürste zum Einsatz, die jeden einzelnen Zahn, speziell am Zahnfleischsaum, schonend reinigt. Zusätzlich bekommen die Patienten verschiedene Inderdentalbürstchen, deren Größe individuell an jeden einzelnen Zahnzwischenraum angepasst wird. Einmal täglich Putzen genügt, auf Zahnpasta kann verzichtet werden.

Zum Konzept gehört die kontinuierliche Kontrolle der Zahngesundheit, gemessen mit dem sogenannten BOB-Index (bleeding-on-brushing). Die Bezeichnung entstand in Anlehnung an den üblicherweise zur Parodontitis-Diagnostik verwendeten BOP-Index (bleeding-on-probing), der mit einer Sonde gemessen wird. Diese Methode ist aber nach Überzeugung der Solo-Zahnärzte nicht aussagekräftig genug, weil die Sondenmessung versteckte Erkrankungsherde nicht erfasst. Anders beim „brushing“: Wo es beim Bürsten blutet, ist der Zahn krank, sagt Petersen.

Während die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie das Solo-Konzept in erster Linie für ein Marketing-Instrument hält, das sie aus wissenschaftlicher Sicht nicht unterstützen kann, äußert sich die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) differenzierter.

Die BZÄK zweifelt nicht daran, dass das Konzept theoretisch bei einzelnen, hoch motivierten Patienten tatsächlich zu einer besseren Mundhygiene führen kann. Es sei allerdings eher ein „Motivationsinstrument in gesundheitspsychologischer Hinsicht“ und sicher nicht für jeden Patienten zu empfehlen.