Infektionen bedrohen das Kunstgelenk

Das künstliche Gelenk verfügt über keine natürlichen Abwehrkräfte und muss daher besonders vor Infektionen geschützt werden. (Foto: yezry / Fotolia)
Das künstliche Gelenk verfügt über keine natürlichen Abwehrkräfte und muss daher besonders vor Infektionen geschützt werden. (Foto: yezry / Fotolia)

Endoprothetik-Experten fordern, jeden Patienten vor der OP auf Bakterien zu untersuchen

(dbp/auh) Ein künstliches Gelenk kann sich gegen Erreger nicht wehren. Schon wenige Bakterien reichen für eine Infektion aus, die auf den Knochen übergreifen kann. Die Folge: Das neue Gelenk muss operativ gereinigt oder sogar ausgetauscht werden.

Die Gelenkersatzoperation ist eine der erfolgreichsten chirurgischen Eingriffe der jüngsten Vergangenheit. Dazu beigetragen haben Innovationen auf den Gebieten Chirurgie (minimal-invasive Operationsmethoden), Anästhesie, Physiotherapie und Werkstofftechnik (Titan, Keramik, Polyethylen). Die Eingriffe sind für den Patienten weniger belastend, weil Gewebe geschont, der Blutverlust reduziert und der Heilungsprozess beschleunigt werden kann.

„Wenn heute beim Patienten mit Implantaten Probleme auftreten, so sind diese in der Mehrzahl der Fälle nicht auf das Design oder das Material des Implantats, sondern auf den Operateur oder den Patienten zurückzuführen“, wird der Biomechaniker Professor Michael M. Morlock in einer Mitteilung des BVMed zitiert.

Zu den größten Risiken bei einer Endoprothesenoperation zählen Infektionen. Bei einem von 100 Patienten mit einem neuen Kunstgelenk entzündet sich die Endoprothese nach dem Einsatz in den Körper, so die Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik (AE).

„Infektionen stellen uns immer wieder vor neue Herausforderungen – insbesondere vermehrte Antibiotikaresistenzen erschweren die Behandlung“, erklärt Professor Heiko Reichel, Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik Ulm und Präsident der AE. Er fordert, alle Möglichkeiten der Prävention sogenannter „periprothetischer Infektionen“ zu nutzen.

Screening vor dem Eingriff

Es müsse stets überprüft werden, ob der Patient über eine gute körpereigene Abwehr verfügt. Er darf weder Infektionen noch Entzündungen haben. Außerdem fordert Reichel, dass Haut und Körper des Patienten auf gefährliche Erreger untersucht werden. Bei einem entsprechenden Befund müsse der Patient bereits vor der Operation mit einem geeigneten Antibiotikum behandelt werden. Dieses Vorgehen sollte zum standardisierten Ablauf gehören, so Reichel.

Hygieneregeln strikt beachten

Im Verlauf der Operation müsse das Personal die Hygieneregeln der Klinik strikt einhalten, so die Forderung. Außerdem sei es zwingend erforderlich, dass die Gelenkprothesen steril verpackt vorbereitet werden. „Um das Infektionsrisiko weiter zu senken, forschen wir zudem an antibakteriellen und einheilungsfördernden Implantat-Oberflächen“, so Reichel.

Patienten müssen aufmerksam sein

Infektionen jeglicher Art im ganzen Körper stellen eine potenzielle Gefahr für das neue Gelenk dar. Deshalb müssen Patienten mit Endoprothesen auch zum Beispiel bei Infektionen in Mund und Rachen, bei Harnwegsinfekten oder bei entzündeten eingewachsenen Zehennägeln ihren Arzt informieren.

„Jeder neu aufgetretene Schmerz nach dem Einsetzen der Prothese ist bis zum Beweis des Gegenteils infektionsverdächtig“, sagt Professor Carsten Perka von der Charité in Berlin. Auch wenn die Operationswunde unauffällig sei und Symptome wie Fieber und Nachtschweiß fehlen, müssten die Ärzte sofort – meist durch eine Gelenkpunktion – abklären, ob eine Infektion vorliegt. Warum so eilig? Etwa drei Wochen nach der Infektion haben die Bakterien auf der Prothese einen Biofilm gebildet, der sie gegen Antibiotika schützt. Dann ist es für eine Antibiotikatherapie in der Regel zu spät.