Homöopathie unter Beschuss

Homöopathie: Patientenverdummung oder wirksame Heilkunst? (Foto: Gerhard Seybert / Fotolia)
Homöopathie: Patientenverdummung oder wirksame Heilkunst? (Foto: Gerhard Seybert / Fotolia)

Die homöopathische Behandlung wird immer beliebter und bleibt dennoch extrem umstritten

(dbp/auh) Die Homöopathie stellt in der Reihe der komplementären Behandlungsmethoden eine Ausnahmeerscheinung dar – in vielerlei Hinsicht. In einem Aspekt ist der Unterschied zu anderen „alternativen“ Heilformen besonders offensichtlich: Gegner und Befürworter stehen sich außergewöhnlich unversöhnlich gegenüber. Kontroversen werden in der Öffentlichkeit in auffallend scharfem Ton ausgetragen. Und der Graben verläuft nicht wie sonst üblich zwischen bestimmten Berufsgruppen, sondern quer durch Ärzteschaft, Politik und Gesundheitsverwaltung.

Der Arzt und Wissenschaftsredakteur Werner Bartens hat das mediale Minenfeld in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung vom 19. Mai 2010 mit dem Titel „Die Globulisierung und ihre Gegner“ anschaulich beschrieben: „Scharlatanerie, Placeboeffekt und Pseudoheilkunde sind noch freundliche Worte in den Leserbrief-Attacken, wenn das Deutsche Ärzteblatt einen Text über Homöopathie veröffentlicht. Kaum eine Behandlung provoziert so erbitterte Glaubenskämpfe.“

Kassen in der Kritik

Aber – sind es wirklich „Glaubenskämpfe“? Dann könnte man doch zur Tagesordnung übergehen: Die einen glauben dran, die anderen eben nicht. Doch ein „Waffenstillstand“ ist nicht in Sicht. Vielleicht, weil es sich eher um Verteilungskämpfe handelt? Denn besonders scharf geschossen wird auf die Homöopathie, wenn es um das Thema Kassenleistung geht.

Im Sommer 2010 forderte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Professor Karl Lauterbach, es müsse den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) verboten werden, die Kosten für homöopathische Behandlungen zu erstatten. Zu dem Zeitpunkt hatte angeblich bereits die Hälfte aller Kassen die Homöopathie in ihren Leistungskatalog übernommen. Und es werden immer mehr, so der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte auf seiner Homepage www.dzvhae.de.

Erst seit 2012 ist es den GKV erlaubt, auch die Kosten für die homöopathischen Arzneimittel zu erstatten. Die Globuli sind nämlich nicht verschreibungs-, sondern „nur“ apothekenpflichtig und diese Medikamente mussten in den Jahren 2004 bis 2011 von allen Versicherten aus der eigenen Tasche bezahlt werden.

7.000 Homöopathie-Ärzte in Deutschland

Dass einige Kassen den neuen Spielraum zugunsten der homöopathischen Arzneimittel sofort nutzten (mittlerweile sind es rund 100), wurde unter anderem vom Verband der niedergelassenen Ärzte (NAV-Virchow-Bund) kritisiert. „Kassen finanzieren auf Kosten der Solidargemeinschaft jede Menge Unsinn“, sagte Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, im Mai 2012. Die Reaktion des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) ließ nicht lange auf sich warten. Anfang Juni erwiderte Verbandsvorsitzende Cornelia Bajic: „Mit dieser Aussage wendet sich Heinrich auch gegen sein eigenes Klientel.“ Die Zahl der Ärzte mit Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ ist in den vergangenen Jahren tatsächlich gestiegen und wird aktuell mit 7.000 angegeben, das sind etwa 4,9 Prozent der 142.900 niedergelassenen Ärzte in Deutschland.

Der nächste Sturm der Entrüstung bei den Homöopathie-Gegnern ist übrigens programmiert, denn vor wenigen Wochen kündigte eine Kasse an, dass sie als erste in Deutschland auch Homöopathie-Leistungen von Heilpraktikern erstattet.