Geschmeidiges Bindegewebe

Die „Blackroll“ wird im Faszientraining dazu genutzt, Verklebungen zu lösen und Schmerzen zu lindern. (Foto: Fascial Fitness Association)
Die „Blackroll“ wird im Faszientraining dazu genutzt, Verklebungen zu lösen und Schmerzen zu lindern. (Foto: Fascial Fitness Association)

Faszientraining kann die Beweglichkeit verbessern und Schmerzen lindern

(dbp/spo) Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten. Zu dieser eingeschworenen Fünfergruppe der Sinne gehört eigentlich noch ein sechster Kandidat: der Sinn für die Körperwahrnehmung. Er steckt in den Faszien, jenen kollagenen, faserigen Bindegeweben, die wie dünne Häute alle Muskeln und Organe umhüllen und sich als feines Netzwerk durch den ganzen Körper spannen. Sind die Faszien verhärtet oder verklebt, kann das zu Schmerzen und Einschränkungen in der Beweglichkeit führen.

Das ist zumindest der Ansatz von Faszienforschern wie Dr. Robert Schleip vom Fascia Research Project der Universität Ulm. Faszien sind demnach wahre Multitalente: Über Rezeptoren melden sie Eindrücke wie Schmerz, aber auch die Lage und Bewegung des Körpers ans Gehirn. Sie geben dem Körper Kontur und sorgen dafür, dass wir Bewegungen kraftvoll und geschmeidig zugleich ausführen können. So schützen sie uns auch vor Verletzungen.

„Biegsam wie ein Bambus“

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Faszien gesund sind. Das heißt: „Biegsam wie ein Bambus, reißfest wie ein Zugseil“, so die Worte der Fascial Fitness Association, einem Netzwerk aus Faszienforschern und Bewegungstherapeuten, dem Dr. Schleip angehört. Wer sich zu wenig bewegt oder den Körper einseitig belastet, setzt die Elastizität seiner Faszien aufs Spiel. Sie verhärten, verkleben und verfilzen. Das sei teilweise mit den Händen tastbar, so Dr. Schleip.

Forscher wie er vermuten, dass darin auch die Ursache für viele Rückenschmerzen liegt. Denn im Bereich der Lendenwirbel sitzt eine wichtige Faszie: die Lumbalfaszie. Fehlt ihr die Elastizität, könne es bei Belastung zu feinen Rissen kommen, die wiederum für Entzündungen und Schmerzen sorgen.

Es ist also sinnvoll, seine Faszien geschmeidig zu halten, beziehungsweise wieder geschmeidig zu machen. Und das geht, sagt die Fascial Fitness Association. Denn das Bindegewebe unterliegt ständigen Auf- und Abbauprozessen.

Faszien wollen gedehnt werden

Was Faszien besonders lieben, sind Dehnübungen. Deshalb sind sie fester Bestandteil jedes Faszientrainings. Die Zugbelastung in alle Richtungen sorgt dafür, dass die Fasern elastisch bleiben. Auch Yoga, Pilates oder Tai Chi sind deshalb für die Faszien gut, denn dabei wird ebenfalls ordentlich gedehnt. Bei bestehenden Verhärtungen nutzen Bewegungstherapeuten zudem häufig die „Blackroll“, eine feste Schaumstoffrolle, über die der Körper mit der schmerzhaften Stelle gerollt wird. Dieser Druck soll Verklebungen lösen und Schmerzen lindern.

Ein weiterer Bestandteil des Faszientrainings sind Übungen mit schnellen, elastisch federnden Bewegungen. Sie trainieren das Vorspannen und gezielte Loslassen der Faszien (Katapult-Effekt) und fördern die Bewegungsdynamik. Abgerundet wird das Programm mit Übungen zur Körperwahrnehmung, ganz nach dem Motto: Je besser das Körpergefühl, desto gelenkiger die Bewegung.

Wer seine Faszien trainieren will, sollte das laut Dr. Schleip ein bis zwei Mal pro Woche tun und sich vorher gut aufwärmen. Ein bereits sprödes Fasziennetzwerk lässt sich durchaus wieder in ein geschmeidiges umbauen. Allerdings muss man dazu etwas Geduld mitbringen: Zwischen sechs und 24 Monaten kann das dauern.