Frauen weinen, Männer schweigen

Männer tun sich oft schwer damit, offen über psychische Probleme zu sprechen. Viele greifen stattdessen zur Flasche. (Foto: Photographee.eu / Fotolia)
Männer tun sich oft schwer damit, offen über psychische Probleme zu sprechen. Viele greifen stattdessen zur Flasche. (Foto: Photographee.eu / Fotolia)

Der typisch männliche Umgang mit Depressionen erschwert die Diagnose

(dbp/auh) Männer und Frauen gehen mit psychischen Belastungen ganz unterschiedlich um. Die typisch weibliche Reaktion auf ein Problem: eine Freundin anrufen, darüber reden. Was macht der Mann? Ein Bier auf.

Natürlich ist diese Beschreibung eine grob vereinfachte Zuspitzung und wie jede pauschale Aussage trifft sie nicht auf jeden Einzelfall zu. Auch sind die Tendenzen im geschlechtsspezifischen Umgang mit psychischen Problemen keinesfalls biologisch festgelegt. In unserer Gesellschaft aber führen Selbstbild und Rollenzuschreibung von Männern und Frauen zu einer messbaren Differenz bei der Häufigkeit von psychischen Erkrankungen, zum Beispiel bei der Depression.

Depressionen bei Männern oft unerkannt

Die Statistik bildet aber nicht die reale Situation ab. Darauf deutet die große Diskrepanz zwischen zwei Zahlen hin: Auf der einen Seite erkranken in Deutschland mehr als doppelt so viel Frauen wie Männer an einer Depression, auf der anderen Seite ist die Suizidrate bei Männern fast dreimal so hoch wie bei Frauen. Auch riskanter Alkoholkonsum und Alkoholabhängigkeit sind bei Männern deutlich häufiger und „maskieren“ womöglich in vielen Fällen eine Depression.

Frauen grübeln, Männer verdrängen

Die Stiftung Männergesundheit erklärt: Die „männlichen Symptome“ wie Risiko- und Suchtverhalten, erhöhte Gewaltbereitschaft und Aggression verdecken oft die klassischen Depressionsmerkmale wie Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen und Handlungsunfähigkeit. Und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) erläutert: „Während Frauen sich eher mit ihren Gefühlen beschäftigen und ins Grübeln verfallen, verdrängen viele Männer Probleme und greifen zur Flasche.“

Experten von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe vermuten, dass „männliche Depressionen“ empirisch nur schlechter erfasst werden, aber eigentlich nicht seltener vorkommen. So seien in Gesellschaften, in denen Alkoholkonsum und Selbstmord tabuisiert sind, die Depressionsraten bei Männern und Frauen gleich hoch. Das beschriebene „Geschlechterparadoxon“ zeigt nach Angaben der Stiftung Männergesundheit, wie stark seelische Erkrankungen von Männern in unserer Gesellschaft tabuisiert und stigmatisiert werden. Darüber hinaus seien sie unterdiagnostiziert und unterversorgt.

Angebote müssen sich ändern

Doch wie kann diese Situation verbessert werden? Können Männer motiviert werden, sich zu öffnen und sich Hilfe zu holen, statt sich zu verschließen? Ja, sagt Dr. Matthias Stiehler, Mitherausgeber des Deutschen Männergesundheitsberichts, aber nicht mit den üblichen Appellen. Es seien nicht die Männer, die sich verändern müssten, sondern die Gesundheitsangebote müssten sich an die Lebenswirklichkeit von Männern anpassen.

Stiehler: „Typisch männliche Verhaltensweisen wie Einsatz und Risikobereitschaft können bei einseitiger Ausrichtung die Gesundheit nachhaltig schädigen. Sie können aber auch Grundlage für ein erfülltes, lust- und leidenschaftsvolles Leben sein. Aktivitäten zur Männergesundheit haben demnach die Aufgabe, die positiven Potenziale zu fördern. Hierzu gehört auch die Stärkung positiver männlicher Identität.“