Familientherapie mit Stellvertretern

Die Familienaufstellung ist eine Methode der Familientherapie. (Foto: grafikplusfoto / Fotolia)
Die Familienaufstellung ist eine Methode der Familientherapie. (Foto: grafikplusfoto / Fotolia)

Die Familienaufstellung wurde durch Bert Hellinger populär, aber auch umstritten

(dbp/auh) Die Familienaufstellung ist keine Erfindung von Bert Hellinger, dennoch ist diese Form der Familientherapie in der Öffentlichkeit untrennbar mit seinem Namen verbunden. In den 1990er Jahren wurde das „Familienstellen nach Hellinger“ derart populär, dass sich die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) im Jahr 2003 veranlasst sahen, sich deutlich von der Hellinger-Methode zu distanzieren.

Auf keinen Fall wollten die Vertreter der systemischen Therapie mit Hellinger „in einen Topf geworfen“ werden. Denn eigentlich ist die Familienaufstellung eine anerkannte Methode innerhalb der systemischen Psychotherapie. Hellinger selbst berichtet auf seiner Internetseite, wie er das Verfahren bei Thea Schönfelder kennengelernt hat. Schönfelder – ebenso wie Hellinger im Jahr 1925 geboren – war 1970 die erste Frau, die in Deutschland eine Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie erhielt. Sie gilt neben der Amerikanerin Virginia Satir als Pionierin der Familientherapie.

Fremde werden zu Angehörigen

Die Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS, www.familienaufstellung.org), die sich aus der 1996 gegründeten „Internationalen Arbeitsgemeinschaft Systemische Lösungen nach Bert Hellinger“ entwickelt hat, erläutert die Methode. Ihr Hauptmerkmal sei, dass der Klient aus einer Gruppe fremder Personen Stellvertreter für seine Familienangehörigen auswählt, die wenig oder gar nichts von seinen Problemen wissen.

Der Klient weist den Stellvertretern Positionen im Raum zu. Dann äußern die Personen, was sie empfinden. Dabei komme es oft zu dem Phänomen der „repräsentierenden Wahrnehmung“, das heißt die Personen verhalten sich so, fühlen sich so, sprechen manchmal sogar so, wie die Familienangehörigen, die sie repräsentieren. Nach Angaben der DGfS kann das Familienstellen nicht nur helfen, die „Belastungen aus der Vergangenheit“ zu erkennen, sondern durch die Veränderung der Aufstellung werden auch Lösungen gefunden.

Biblische Ordnungsprinzipien

Diese Lösungen machen eine der Besonderheiten bei Hellinger aus, die von „der Mehrheit der aufgeklärten Therapeuten dieser Welt“, so der Sozialpsychologe Professor Heiner Keupp in einem Interview mit dem Magazin „Die Gazette“, kritisiert und abgelehnt werden. Denn Hellinger führte ein hierarchisch organisiertes Ordnungsprinzip ein, das auf alttestamentarischen Vorstellungen basiert. So seien Verstöße gegen diese „Ursprungsordnung“, etwa wenn sich Kinder über ihre Eltern erheben, schuld an vielen Problemen.

In der erwähnten Stellungnahme der DGSF aus dem Jahr 2003, die unter www.dgsf.org nachzulesen ist, wird deutlich unterschieden zwischen der Familienaufstellung als Methode innerhalb der systemischen Therapie und der Familienaufstellung nach Hellinger, die in der realen Praxis „ethisch nicht vertretbar und gefährlich für die Betroffenen“ sei.

Therapie als Spektakel

Die Kritik der DGSF richtet sich vor allem gegen die Praxis von Bert Hellinger, Familienaufstellungen als publikumswirksame Großveranstaltungen mit Showeffekt-Charakter durchzuführen. Dabei werde den Klienten suggeriert, dass selbst gravierende psychische Problemsituationen in einem „Ultra-Kurz-Event“ grundlegend verändert werden könnten. Außerdem seien die „erwartungsvollen Klienten“ oftmals unzureichend ausgebildeten Therapeuten schutzlos ausgeliefert.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die von Hellinger postulierte Existenz vorgegebener Grundordnungen und Hierarchien. Er vertrete seine Konzepte, Interpretationen und Interventionen wie ein „normensetzender Guru“ mit einer Absolutheit, die die Autonomie der Klienten enorm einschränke. „Dies führt zu einer Aura des „Nicht-Kritisierbaren“, die mit dem Selbstverständnis der Systemischen Therapie unvereinbar ist“, so die DGSF.