Das Essen nicht vergessen

Viele Demenzkranke sind mangelernährt. Meist verändert sich der Geschmack oder das Essen und Trinken wird einfach vergessen. (Foto: alephnull/Fotolia)
Viele Demenzkranke sind mangelernährt. Meist verändert sich der Geschmack oder das Essen und Trinken wird einfach vergessen. (Foto: alephnull/Fotolia)

Demenzpatienten sind oft mangelernährt / Pflegende müssen gegensteuern

(dbp/spo) „Fast alle an Demenz erkrankten Personen entwickeln im Verlauf eine Mangelernährung“, sagt Pflegewissenschaftlerin Gabrielle Sieber. Gründe dafür gibt es mehrere: Sie essen zu wenig, die Lebensmittel werden ungünstig ausgewählt oder „sie vergessen schlicht, zu essen oder zu trinken“. Das Gegensteuern ist für pflegende Angehörige eine Herausforderung.

Am Netzwerk Alternsforschung der Heidelberger Universität hat Gabrielle Sieber die Ernährungssituation von Demenzkranken, die zu Hause leben, untersucht. Bei ihrer Studie kam heraus: Demenzpatienten sind in puncto Mangelernährung besonders gefährdet. So waren unter den befragten nicht pflegebedürftigen Senioren, die zu Hause leben, nur etwa sechs Prozent mangelernährt, unter den Pflegebedürftigen zwölf Prozent. Bei den Demenzkranken hingegen waren es 30 Prozent. Hinweise für eine Mangelernährung können Sieber zufolge ein ungewollter Gewichtsverlust von mindestens fünf Prozent innerhalb von drei Monaten oder ein Body-Mass-Index von unter 20 sein.

Mehr Kalorien werden verbraucht

Was Demenzpatienten so anfällig macht, ist auch die krankheitstypische Unruhe, das ständige Umherwandern. „Sehr aktive Demenzpatienten verbrauchen teils zweimal so viele Kalorien wie Gesunde“, sagt Gabrielle Sieber. Das will ausgeglichen werden. „Die Mangelernährung geht dann immer einher mit dem Verlust an Muskelmasse, an Kraft und einer Beeinträchtigung der Kognition.“ Die Folge: Der Krankheitszustand verschlechtert sich.

„Für die Angehörigen ist es eine Herausforderung, täglich für eine ausgewogene Ernährung zu sorgen“, sagt Gabrielle Sieber. Die Mahlzeiten verwandeln sich im Laufe des familiären Pflegealltags vom gemeinsamen Erlebnis mit guten Gesprächen zur reinen Nahrungsaufnahme. Menschen mit fortgeschrittener Demenz verlieren ihre Tischmanieren, werden beim Essen teils sogar als animalisch erlebt, so die Pflegewissenschaftlerin.

„Manche Angehörige haben Mühe, zuzuschauen, wie sich der Erkrankte abmüht. Sie schreiten früh ein, nehmen das Besteck weg und fangen an, das Essen vorzuschneiden.“ Besser wäre es allerdings, dem Patienten mehr Selbstständigkeit zu lassen und wenn möglich zusammen zu essen. „Das hat eine Vorbildfunktion und regt den Appetit an.“

Bei Bedarf nachsüßen

Weil sich bei Demenzpatienten das Geschmacksempfinden verändert und sie eher süße oder fette Speisen bevorzugen, rät Sieber dazu, bei Bedarf nachzuwürzen. „Wenn Sie beobachten, dass normales Gemüse nicht mehr gegessen wird, würzen Sie es süß.“ Oft essen die Erkrankten zudem lieber mit den Fingern, auch daran kann das Mittagessen angepasst werden. Zum Beispiel mit Kroketten statt Salzkartoffeln oder Fleischstücken ohne Soße. Darüber hinaus sollten sich Speisen, Getränke und Geschirr farblich voneinander deutlich unterscheiden, das erleichtert das Erkennen.

Im Grunde müssen pflegende Angehörige selbst herausfinden, wie der Patient sein Essen am liebsten mag und wie nicht. Was die drohende Mangelernährung angeht, hat Gabrielle Sieber die These: „Übergewicht ist für die Jungen ein Problem. Aber so ab 55 ist etwas Übergewicht eine Reserve, die man nicht verlieren sollte.“