Erst Demenz, dann Ehekrise

Die Diagnose Demenz ist für die Ehe eine Belastung. Ohne Hilfe von außen funktioniert der Alltag auf Dauer meist nicht. (Foto: Fotowerk/Fotolia)
Die Diagnose Demenz ist für die Ehe eine Belastung. Ohne Hilfe von außen funktioniert der Alltag auf Dauer meist nicht. (Foto: Fotowerk/Fotolia)

Wie die Krankheit die Beziehung belastet.

(dbp/spo) Es ist Jahre her, dass ihr Mann die Diagnose Demenz bekam. Inzwischen ist Inge Paulsen (Name geändert) 75 und betreut wieder ein kleines Kind. So kommt es ihr zumindest vor, wenn ihr Mann nicht schlafen will oder sie seine Windel wechselt. Die Ehe, wie sie einmal war, gibt es nicht mehr.

Eine Demenzerkrankung ist belastend für beide Partner. Sie kann Ehen in eine tiefe Krise führen, weiß Florian Bödecker. Der Diplompädagoge forscht am Netzwerk Alternsforschung der Universität Heidelberg zum Thema Paarkonflikte bei Demenz. Das Paradoxe: „Die Beziehung wird wichtiger, aber gleichzeitig gefährdeter“, sagt er. Wichtiger, weil die Partner im Alter mehr Zeit miteinander verbringen und gemeinsam in eine ungewisse Zukunft blicken. Gefährdeter, weil die Krankheit zwischen ihnen steht.

Oft sind es kleine Verhaltensänderungen, die schon vor der Diagnose einen sozialen Rückzug einläuten: Der Demenzkranke verliert das Interesse an seinen Hobbys, verläuft sich im Restaurant, behandelt Freunde unwirsch, verursacht peinliche Situationen. Oft leugnet er anfangs seine Defizite, das sorgt für Streit. „Für den Partner kann es sogar eine Erleichterung sein, wenn das Ganze einen Namen hat“, sagt Bödecker.

Veränderte Rollenbilder

Später werden die Rollen neu verteilt. Der Erkrankte wird mehr und mehr zum Umsorgten. Der Partner übernimmt teils fremde Aufgaben: Männer müssen kochen, waschen und putzen. Frauen müssen das Auto reparieren lassen und die Finanzen regeln. „Während der Partner oft die Risiken der neuen Rollenverteilung sieht, sieht der Mensch mit Demenz seinen Verlust an Autonomie“, sagt Bödecker. Um Konflikte zu vermeiden, rät er Paaren, über diese Veränderungen zu sprechen, die Aufgabenteilung offen auszuhandeln.

„Die Qualität der Beziehung nimmt im Verlauf ab“, so der Forscher weiter. „Sie verwandelt sich in eine Pflegebeziehung. Auch die Intimität verändert sich, Entfremdungsgefühle können entstehen. Für die Pflegeperson sind deshalb Ersatzgefährten notwendig.“ Also Freunde und Bekannte, die im Notfall beistehen. Hilfreich sind hier auch öffentliche Angebote wie Kurzzeit- und Tagespflege, Gesprächsgruppen oder ehrenamtliche Betreuungsangebote.

Positive Seiten

Es gibt aber auch positive Effekte. Bei den Interviews, die Bödecker mit betroffenen Paaren geführt hat, kam heraus, dass manche Pflegende an ihren Aufgaben wachsen. Andere sind dankbar, etwas zurückgeben zu können, was sie über Jahre bekommen haben. Und oft sorgt die zunehmende Hilflosigkeit des Einen für mehr Nähe, „gerade wenn man sich vorher auseinandergelebt hat“.

Ein Stück weit liegt es in der Hand eines jeden, wie stark die Beziehung leidet. So sollten Erkrankte versuchen, die Hilfe des Partners nicht als Bevormundung, sondern als Fürsorge anzuerkennen. Die Partner wiederum sollten sich bemühen, die Krankheit besser zu verstehen. Denn „der Mensch mit Demenz macht nicht nur Probleme, er hat welche“, so Bödecker. Sein Rat lautet dennoch: „Holen Sie sich Unterstützung. Die Situation lässt sich auf Dauer nicht zu zweit bewältigen.“