Epilepsie mit Ernährungsumstellung eindämmen

Die ketogene Ernährungstherapie bei Epilepsie ist im häuslichen Alltag kein Kinderspiel. (Foto: Oksana Kuzmina / Fotolia)
Die ketogene Ernährungstherapie bei Epilepsie ist im häuslichen Alltag kein Kinderspiel. (Foto: Oksana Kuzmina / Fotolia)

Die „ketogene Diät“ führt bei einigen Kindern dazu, dass sie keine Anfälle mehr erleiden

(dbp/auh) „Ein großer Teil der Epilepsieprobleme besteht darin, dass vorhandenes Wissen über Epilepsie nicht zur Anwendung kommt.“ Dieser Satz steht wie ein mahnendes Motto auf der Homepage des Informationszentrums Epilepsie der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie (DGfE).

Wie wahr dieser Satz ist, wird unter anderem beim Lesen von Patientengeschichten deutlich, die Eltern epilepsiekranker Kinder geschrieben haben. Kinder, denen Medikamente nicht helfen konnten und die durch eine radikale Umstellung ihrer Ernährung anfallsfrei wurden. Die „ketogene Diät“ ist eine Therapieform bei Epilepsie. Sie führt bei korrekter Anwendung dazu, dass der Körper von Zucker- auf Fettstoffwechsel umstellt. Diese physiologische Veränderung wird auch Hungerstoffwechsel genannt, da sie bei Nahrungsentzug (Fasten oder Hungern) eintritt.

2.000 Jahre altes Wissen

Bereits in der Antike war bekannt, dass Fasten die Anfallshäufigkeit bei Patienten mit Epilepsie reduziert oder sogar zur völligen Anfallsfreiheit führt. Und dennoch, so schreibt der Kinderarzt und Neuropädiater Professor Friedrich Baumeister, „sollte es noch zwei Jahrtausende dauern bis zur effizienten Anwendung der Ernährungs-Therapie zur Behandlung von Epilepsien.“ Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die ketogene Diät als Therapieform ausgearbeitet. Doch dann geriet sie fast völlig in Vergessenheit. Wahrscheinlich durch die Fortschritte auf dem Gebiet der Entwicklung neuer, effektiver Medikamente und auch durch die Epilepsie-Chirurgie, die ebenfalls eine wirksame Therapieform darstellt.

Seit Mitte der 1990-er Jahre erlebt die ketogene Diät eine Renaissance. Mittlerweile gibt es zahlreiche Kliniken in Deutschland, die diesen Weg erfolgreich gehen. Und dennoch: „Noch immer werden viele Eltern nicht oder zu spät über diese Möglichkeit informiert“, stellt die Schweizerische Liga gegen Epilepsie (www.epi.ch) fest. So wie Anke Engel, die noch vor wenigen Jahren auf erheblichen Widerstand stieß, als sie sich für die ketogene Diät als Therapieversuch für ihren Sohn Paul entschied. (Pauls Geschichte ist unter www.epilepsie-kind.de/?page_id=29 nachzulesen.)

Die ketogene Diät ist sehr kompliziert

Die Hauptargumente der Ärzte: Paul war zu dem Zeitpunkt noch nicht als „pharmakoresistent“ eingestuft. Das ist eine Voraussetzung für die leitliniengetreue Anwendung der ketogenen Diät. Der andere Einwand: Die Ernährungsumstellung sei zu aufwendig und eine Zumutung für die ganze Familie.

Frau Engel aber empfand es eher als Zumutung, weitere Medikamente auszuprobieren, während ihr Sohn mittlerweile mehr als 100 Anfälle am Tag erlitt. Sie ging im März 2011 mit dem damals zweieinhalbjährigen Paul in die Filderklinik bei Stuttgart und startete die Diät. Die Zusammenstellung der Speisen ist tatsächlich sehr aufwendig. Es muss ein individuell errechnetes Verhältnis von Fett zu Kohlenhydraten und Eiweiß strikt eingehalten werden, das „ketogener Quotient“ genannt wird. Aber für Frau Engel lohnte sich die Mühe. Paul war vier Monate später medikamenten- und anfallsfrei.

Wichtig: Die ketogene Diät darf auf keinen Fall auf eigene Faust durchgeführt werden. Die Einführung erfolgt stets in einer spezialisierten Klinik unter intensiver Überwachung der Stoffwechselbelastung.

  • Literaturtipp: Friedrich A. M. Baumeister: Ketogene Diät. Ernährung als Therapiestrategie bei Epilepsien und anderen Erkrankungen, Verlag Schattauer 2012, 286 Seiten
  • Beratung: Die Deutsche Epilepsie-Vereinigung berät online und am Telefon. Die im Text erwähnte Frau Engel ist montags bis freitags von 10 bis 20 Uhr unter der Nummer 06236 – 50 95 8 99 erreichbar.