Eine Altersdepression wird oft übersehen

Wenn Senioren sehr melancholisch werden, halten das die Angehörigen oft für ganz normal. (Foto: Bilderbox)
Wenn Senioren sehr melancholisch werden, halten das die Angehörigen oft für ganz normal. (Foto: Bilderbox)

Angehörige interpretieren depressive Symptome bei Senioren schnell falsch

(dbp/spo) Haben ältere Menschen Probleme mit dem Gedächtnis und der Konzentration oder Sprech- und Denkhemmungen, wird das oft als normale Alterserscheinung abgetan. Oder als beginnende Demenz. Doch: Solche Symptome können auch auf eine Depression hinweisen.

Eine Depression bei Menschen über 65, die sogenannte Altersdepression, ist ähnlich gut behandelbar wie bei jungen Menschen. Allerdings werde die Krankheit nur bei etwa der Hälfte der Betroffenen vom Hausarzt erkannt, sagt Psychiater Dr. Martin Haupt von der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP).

Dass so viele Altersdepressionen unentdeckt bleiben, liegt unter anderem daran, dass die Patienten zunächst eher über körperliche Symptome klagen. Schmerzen, Herzrhythmus- und Schlafstörungen, Schwindelanfälle oder Magen-Darm-Beschwerden können anfangs die typische gedrückte Stimmung und Freudlosigkeit überlagern. Und wer kommt schon bei der Großmutter, die schlecht schläft und über Schwindel klagt, darauf, dass eine beginnende Depression dahinter steckt?

Abgrenzung zur Demenz ist schwierig

Auch wenn Melancholie, Ängste und extreme Antriebsschwäche deutlich werden, denken viele noch nicht an eine Depression. Schließlich sind gerade ältere Menschen teils in schwierigen Lebensumständen: Nahe Angehörige, Freunde oder sogar der eigene Partner sterben, mancher verliert im Ruhestand seine Lebensaufgabe, vereinsamt, muss vielleicht aus dem eigenen Haus ausziehen und bemerkt traurig, wie körperliche und geistige Fähigkeiten nachlassen. Depressive Symptome werden von Angehörigen dann häufig als nachvollziehbare Folge des Alterns fehlinterpretiert.

Hinzu kommt: Eine Altersdepression von einer Demenz abzugrenzen, ist eine Herausforderung, so der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Professor Ulrich Hegerl. Denn die Patienten haben begleitend teils sehr ausgeprägte kognitive Störungen. Zum Beispiel können sie sich Dinge sehr schlecht merken, sind geistig unflexibel und langsam in der Informationsverarbeitung. So wirken sie auf ihre Umgebung manchmal wie Demenzkranke.

Einige Anhaltspunkte zur Unterscheidung gibt es: So seien depressive Patienten in der Regel nicht desorientiert, sagt Professor Hegerl. Auf Nachfrage können sie durchaus Datum und Uhrzeit richtig angeben. Außerdem zeigen sie ihren Leidensdruck meist offen, während Demenzpatienten ihre Beschwerden eher kleinreden.

Rückzug in die eigenen vier Wände

Wer als Erkrankter nicht aufpasst, landet laut DGGPP schnell in einer Abwärtsspirale. „Bisher geliebte Aktivitäten oder Menschen werden unwichtiger, die Stimmung ist über Tage gedrückt. (…) Der Patient zieht sich zurück, mag die eigenen vier Wände nicht mehr verlassen.“ Diese Isolation sorge wiederum dafür, dass nichts Positives mehr erlebt wird. Der Patient stumpft weiter emotional ab und kommt sich immer nutzloser vor. Gerade Senioren vernachlässigen dann oft das Essen und Trinken und verlieren so schnell an Kraft.

Um die Diagnose richtig zu stellen, braucht es einen erfahrenen Arzt – laut DGGPP am besten einen Gerontopsychiater. Dann kann die Altersdepression auch individuell passend behandelt werden. Und behandeln lassen sollte man sie auf jeden Fall, so wie jede Depression.