Die unbändige Fettzellenvermehrung

Beim Lipödem ändert abnehmen nichts an der Krankheit: Die Fettzellen vermehren sich trotzdem. (Foto: Runzelkorn / Fotolia)
Beim Lipödem ändert abnehmen nichts an der Krankheit: Die Fettzellen vermehren sich trotzdem. (Foto: Runzelkorn / Fotolia)

Beim Lipödem schmerzen die Problemzonen schon bei leichter Berührung

(dbp/auh) Es gibt keine Fettverteilungsgerechtigkeit. Nur bei etwa 20 Prozent der Frauen ist das Unterhautfettgewebe gleichmäßig über den Körper verteilt. Die große Mehrheit hat „von Natur aus“ mehr Speck an Hüften und Oberschenkeln und weniger Fülle am Oberkörper. Diese Veranlagung zur sogenannten Birnenform ist überhaupt kein Grund zur Sorge – so lange die Taille schlank bleibt. Allerdings: „Die Birnenform ist die Minimalvariante des Lipödems“, erklärt Professor Sebastian Schellong, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Angiologie (DGA).

Das Lipödem wird allgemein als „krankhafte Fettverteilungsstörung“ bezeichnet. Es tritt fast nur bei Frauen auf. Die Symptomatik ist individuell unterschiedlich ausgeprägt, die typischen Stellen für vermehrte Fettansammlungen sind Hüfte, Oberschenkel und Innenseite der Knie. Wenn auch die Unterschenkel betroffen sind, kann es am Knöchel zu einer Art Fettlappen kommen, denn die Füße bleiben verschont. Dasselbe gilt für den selteneren Fall, dass sich das Lipödem an den Armen zeigt. Dann bleiben die Hände ausgespart und ein Hautwulst legt sich um das Handgelenk. Charakteristisch für das Lipödem ist, dass es stets symmetrisch auftritt, also beide Beine (oder Arme) gleichermaßen betrifft.

Schmerzhafte Überdehnung des Fettgewebes

Je mehr Fett sich ansammelt, umso großer ist das Risiko, dass sich zusätzlich Wassereinlagerungen und Lymphödeme bilden. Die Haut spannt, schmerzt bei Berührung und neigt zu blauen Flecken bereits nach leichten Stößen. „Wenn das Unterhautfettgewebe überdehnt wird, tut das weh“, erklärt Gefäßspezialist Schellong die Ursache für die Schmerzempfindlichkeit.

Die Patientinnen leiden unter den Schmerzen, den schweren Beinen und natürlich ganz besonders unter der unschönen Optik. Das Problem: Mit Diäten oder Sport ist den aus dem Ruder gelaufenen Fettzellen nicht mehr beizukommen. Die Patientinnen, die Gewicht verlieren, nehmen überall ab, nur nicht an ihren „Problemzonen“. Dennoch ist Gewichtreduktion aus medizinischer Sicht das Wichtigste, sagt Professor Schellong. Denn nicht das Lipödem, sondern das Übergewicht sei gesundheitsschädlich.

Experte rät vom Fettabsaugen ab

Als begleitende Therapie eigne sich die „komplexe physikalische Entstauungstherapie“ (KPE), eine Kombination aus manueller Lymphdrainage, Kompressions- und Bewegungstherapie. Die schmerzhafte Überdehnung des Gewebes lasse sich damit gut behandeln, erklärt Professor Schellong. Die Liposuktion, also das Fettabsaugen, hält der Experte für wenig empfehlenswert. Zum einen, weil damit die eigentliche Erkrankung nicht behandelt wird, sondern „nur“ ihre Erscheinungsform. Vor allem aber wegen der möglichen Komplikationen einer solchen Behandlung. Schellong: „In besonders schweren Fällen können Spezialkliniken für Ödemkrankheiten auch stationär ein Behandlungsprogramm durchführen.“

Der Chefarzt der II. Medizinischen Klinik am Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt stellt klar: „Übergewicht ist nicht die Ursache des Lipödems, aber ohne Übergewicht kein Lipödem.“ Voraussetzung ist die genetische Veranlagung zum birnenförmigen Fettverteilungsmuster. Wenn dann Übergewicht hinzukomme, könne ein Lipoödem entstehen. Warum das bei der einen Frau passiert, bei der anderen aber nicht, weiß man bisher nicht. Wichtig: Nicht jede mollige Frau mit ausladenden Hüften und umfangreichen Oberschenkeln leidet an einem Lipödem.