Die Suche nach dem „Kick“

Beim sogenannten Base-Jumping stürzen sich Extremsportler in einem speziellen Flügelanzug in die Tiefe und können dabei Geschwindigkeiten von bis zu 500 km/h erreichen. (Foto: Fotolia / Pavel Burchenko)
Beim sogenannten Base-Jumping stürzen sich Extremsportler in einem speziellen Flügelanzug in die Tiefe und können dabei Geschwindigkeiten von bis zu 500 km/h erreichen. (Foto: Fotolia / Pavel Burchenko)

Extremsportler aktivieren mit Risikosportarten das Belohnungssystem in ihrem Gehirn.

(dbp/fru) Warum zwängt sich jemand in einen Weltraumanzug, steigt in eine Druckkapsel und lässt sich fast 40.000 Meter in die Stratosphäre hochziehen, um sich dann einfach in die Tiefe zu stürzen? Hirnforscher haben eine ebenso schlichte wie bestechende Antwort: Weil diese Tätigkeiten im Gehirn unser „Lustzentrum“ aktivieren. Es verleiht einem einen riesen „Kick“. Der Sitz des menschlichen Belohnungssystems liegt im sogenannten Nucleus accumbens. Bei Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin wird es stimuliert und löst im Zusammenspiel mit  anderen Gehirnstrukturen Zufriedenheit und Glücksgefühle aus.

Felix Baumgartner dachte nach seinem Sprung aus der Stratosphäre, dass dieser Rekord „sehr lange“ Bestand haben würde. Aber schon zwei Jahre nach diesem spektakulären Wagnis gelang es dem 57-jährigen Alan Eustace den Höhenrekord von Baumgartner zu verbessern. Er sprang aus etwa 41.000 Metern ab und durchbrach im freien Fall zur Erde die Schallmauer. Wahnsinn!

Es geht nicht darum, besonders hohe Risiken einzugehen

Sind solche Extremsportler und Weltrekordjäger eigentlich verrückt? Nein, denn in der Regel werden solche Projekte, die Höchstleistungen erfordern, sehr lange und minutiös geplant, um die Risiken für Leib und Leben so gering wie möglich zu halten – es geht also nicht darum, hohe Risiken einzugehen. Außerdem fallen solche Projekt-Entschlüsse nicht von jetzt auf gleich, sondern entstehen durch ein allmähliches Herantasten an die eigenen Leistungsgrenzen.

Aber zurück zum Belohnungssystem, das den Hauptantrieb bei Extremsportlern darstellt. Bereits in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts entdeckten Wissenschaftler, dass Ratten in einem Versuch immer wieder einen Hebel betätigten, der ihnen kleine Stromschläge durch eine ins Hirn eingepflanzte Elektrode verpasste. Die Nager empfanden diese elektrische Selbststimulation offenbar als so angenehm, dass sie immer wieder, teilweise bis zur absoluten Erschöpfung, diesen „Glückshebel“ drückten. Sogar angebotenes Futter ließen sie dafür links liegen und vergaßen sogar während des Versuchs  zu trinken.

Bei Störung des Belohnungssystems kann Sucht entstehen

Extremsport aktiviert also in besonderem Maße das Belohnungssystem. Das spornt Extremsportler dazu an, ihre Aktivitäten ständig zu wiederholen teilweise bis zur völligen Erschöpfung. Sportwissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und der Universität Halle-Wittenberg haben in einer Studie mit Athleten nachgewiesen, dass immerhin fast 5 Prozent der untersuchten Sportlerinnen und Sportler sportsuchtgefährdet waren. Der Erlanger Sportpsychologe Dr. Heiko Ziemainz erläutert das Ziel, das die Betroffenen verfolgen: „Sie wollen eine positive Stimmung aufrechterhalten.“

Besonders gefährdet seien jüngere Athleten, Triathleten und jene, die sich besonders oft körperlich ertüchtigen. Die höchsten Gefährdungswerte weisen jedoch Sportler auf, die bereits jahrelang trainieren. Sportsüchtige missachten körperliche Signale und laufen auch trotz höllischer Schmerzen weiter. „Diese Menschen müssen zwingend therapiert werden“, sagt Heiko Ziemainz.

Ob der Ultramarathonläufer Dean Karnazes, der 50 Marathons in 50 aufeinanderfolgenden Tagen oder drei Tage am Stück gelaufen ist, sportsüchtig ist, kann man ohne genaue Untersuchung nicht sagen. Auf jeden Fall hat er Pläne, seine übermenschlichen Leistungen zu toppen und möchte innerhalb des Jahres 2017 in 203 Ländern der Welt jeweils einen Marathon Laufen. Wahnsinn!