Die Krankheit der Könige ist heute weit verbreitet

Immer noch ranken sich Mythen um die Krankheit Gicht. (Foto: Peter Atkins / Fotolia)
Immer noch ranken sich Mythen um die Krankheit Gicht. (Foto: Peter Atkins / Fotolia)

Gicht ist Veranlagung und keine zwangsläufige Folge von ungesundem Essen.

(dbp/auh) Über kaum eine andere Krankheit gibt es so viele Mythen. Bis in das 19. Jahrhundert galt Gicht als die Krankheit der Könige. Auch berühmte Gelehrte litten unter den extrem schmerzhaften Gelenkentzündungen. Gicht wurde als Privileg der Reichen interpretiert.

Nach den Weltkriegen im 20. Jahrhundert und dem Ende der Hungerjahre verbreitete sich die Gicht auch unter Otto Normalverbraucher – von nun war Gicht eine Wohlstandskrankheit, verursacht von zu viel fettem Essen.

Der Stoffwechsel ist gestört

Stimmt alles nicht. Gicht ist in 99 Prozent der Fälle eine angeborene Stoffwechselerkrankung. Gichtanfälle können zwar ausgelöst werden von übermäßigem Fleisch- und Alkoholkonsum, aber eben nur bei Menschen mit dieser bestimmten Veranlagung, die dazu führt, dass sie zu wenig Harnsäure ausscheiden.

Harnsäure entsteht beim Abbauprozess von Purinen. Purine werden zwar auch mit der Nahrung zugeführt (insbesondere bei großzügigem Verzehr von Fleisch, Meerestieren oder auch Spargel), sind aber in jedem Zellkern vorhanden. Da sich Körperzellen ständig erneuern, fällt auch stetig Harnsäure an. Ein bestimmter Harnsäurespiegel im Blut ist völlig normal. Der Rest wird über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden. Bei Gicht-Patienten aber verbleibt zu viel Harnsäure im Körper, die sich im Verlauf von Jahren und Jahrzehnten in Form von Harnsäuresalzkristallen an verschiedenen Stellen im Körper ablagern kann; vorzugsweise in Gelenken, aber auch an den Ohrknorpeln, in Schleimbeuteln und in den Nieren oder anderen Organen.

Das Risiko steigt mit dem Alter

Diese Kristallablagerungen können zu Gelenkentzündungen führen, die sich wie eine Arthritis in Form von extremen Schmerzen und Schwellungen äußert. Einen solchen Gichtanfall (akute Gichtarthritis) muss aber nicht jeder Mensch mit dieser Stoffwechselstörung und folglich zu viel Harnsäure im Blut bekommen. Es hängt von mehreren Faktoren ab, ob und wann sich die Krankheit symptomatisch bemerkbar macht. Zum einen muss man alt genug werden. Das erklärt schon mal, warum bis ins 19. Jahrhundert die Gicht in der Masse der Bevölkerung gar nicht vorkam. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug noch um 1850 nur 40 Jahre. Ausnahmen gab es natürlich, zum Beispiel Goethe und Voltaire, die beide über 80 wurden. Übrigens hatten auch beide Gicht.

Zum anderen ist die Fähigkeit zum Ausscheiden der Harnsäure nicht bei allen Patienten gleichermaßen stark gestört. Liegt nur ein mäßig erhöhter Harnsäurespiegel vor, können Gichtanfalle ausbleiben oder nur selten auftreten – eine purinarme Ernährung vorausgesetzt. Das erklärt wiederum, warum Gicht seit den Wirtschaftswunderjahren immer häufiger auftritt, denn vorher mussten sich die meisten Menschen zwangsweise purinarm ernähren. Es gab hauptsächlich Brot, Kartoffeln und Milchprodukte; Fleisch und Alkohol höchstens an Sonn- und Feiertagen.

Heute ist Gicht keine seltene Erkrankung mehr. Gründe sind neben der hohen Lebenserwartung (in hohem Alter trifft es rund zehn Prozent) das veränderte Ernährungsverhalten. Insbesondere in den bildungsfernen Schichten ist Gicht auf dem Vormarsch. Die Krankheit der Könige ist zur Krankheit der Armen geworden.