Deutsche an der Spitze der Placebo-Forschung

Welche physiologischen Wirkungen Medikamente erzielen, hängt nicht allein vom Wirkstoff ab. (Foto: spinetta / Fotolia)
Welche physiologischen Wirkungen Medikamente erzielen, hängt nicht allein vom Wirkstoff ab. (Foto: spinetta / Fotolia)

Interdisziplinäres Wissenschaftler-Team will Placebo-Effekt besser nutzen

(dbp/auh) Der Placebo-Effekt in der Medizin wird zu gering geschätzt – im doppelten Sinn des Wortes. Das ist die Meinung einer interdisziplinären Gruppe von Wissenschaftlern, die in unterschiedlichen Teilprojekten die Mechanismen hinter dem Placebo-Effekt erforscht. Die Arbeiten der Experten, die an sechs verschiedenen Universitäten und Instituten in ganz Deutschland tätig sind, werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Der Placebo-Effekt spielt eine große Rolle beim Erfolg jeglicher Heilbehandlung. Nach Angaben der DFG-Forschergruppe sind bis zu 70 Prozent der Symptomverbesserung bei Medikamentengabe auf „unspezifische Placeboeffekte“ zurückzuführen. Umgekehrt müsse davon ausgegangen werden, dass viele Nebenwirkungen bei medikamentösen Behandlungen auf einem Nocebo-Effekt basieren. In beiden Fällen lösen bestimmte Erwartungshaltungen die verschiedenen physiologischen Veränderungen im Körper aus, die zu tatsächlicher Verbesserung oder Verschlechterung des Gesundheitszustandes führen.

Effektivere Behandlung durch Placebo-Effekt

Eines der Ziele der Forschergruppe ist, die neurophysiologischen Mechanismen systematisch auf klinische Anwendungsfelder zu übertragen, um damit die Behandlung von Erkrankungen noch effektiver zu gestalten. „In einer Reihe von medizinischen Anwendungsfeldern sind die beteiligten Placebo-Effekte größer als die spezifischen, auf das Medikament zurückzuführenden Effekte. Dies unterstreicht, dass hier ein großes, oftmals nur unsystematisch genutztes Potenzial zur Verbesserung von Behandlungen liegt“, so der Sprecher der Forschergruppe, Professor Winfried Rief vom Fachbereich Psychologie an der Philipps-Universität Marburg.

Die klinischen Anwendungen reichen von Patienten mit postoperativem Schmerz, Patienten mit Schlafstörungen, Patientinnen mit Reizdarmsyndrom bis hin zur Beeinflussung von immunologischen Funktionen bei Patienten nach Nierentransplantation. Zur Sprechergruppe gehört auch Ulrike Bingel, Professorin für Funktionelle Bildgebung an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Sie ist der Auffassung, dass man Placebo-Effekte zum Nutzen der Patienten maximieren sollte. Und sie hat nachgewiesen, wie das in der Praxis funktionieren könnte: Durch die Gabe des als Treue- oder auch als Kuschelhormon bekannten körpereigenen Stoffes Oxytocin kann der Placebo-Effekt offenbar verstärkt werden.

Kuschelhormon verstärkt Placebowirkung

„Unsere Untersuchungen sind möglicherweise der erste Schritt zu einer gezielten, auch pharmakologischen Verstärkung von nützlichen Placebo-Effekten zum Wohle des Patienten im klinischen Alltag“, sagte die Professorin nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Für ihr Experiment hatten die Wissenschaftler 80 Probanden mit einem Nasenspray entweder Oxytocin oder eine unwirksame Salzlösung verabreicht. Anschließend tupfte ein Arzt den Probanden an zwei Stellen zwei gleichermaßen unwirksame Salben auf den Arm. Dazu erklärte der Arzt allerdings, dass sich an der einen Stelle ein schmerzlinderndes Mittel befände und an der anderen eine unwirksame Kontrollsalbe. Als die Forscher schließlich die beiden Stellen mit Hitze reizten, bewerteten die Probanden den Schmerz an jener Stelle als geringer, an der man die angeblich schmerzlindernde Salbe aufgetragen hatte. Die Reduktion des Schmerzes durch den Placebo-Effekt fiel unter Oxytocin deutlich stärker aus als bei dem Nasenspray mit der Salzlösung.