Der Kiefer auf dem Prüfstand

Röntgenbilder unterstützen den Prozess der Funktionsdiagnostik. (Foto: contrastwerkstatt / Fotolia)
Röntgenbilder unterstützen den Prozess der Funktionsdiagnostik. (Foto: contrastwerkstatt / Fotolia)

Die Funktionsdiagnostik begutachtet die Harmonie im Kauorgan

(dbp/nas) Gesichtsschmerzen, Kopfweh oder Tinnitus – vielfältige Beschwerden können ihren Ursprung im Bereich des Kiefers haben. Um den genauen Ursachen auf die Spur zu kommen, wird die sogenannte Funktionsdiagnostik eingesetzt. „Dabei wird kurz gesagt das Zusammenspiel von Zähnen, Muskulatur und Kiefergelenken überprüft“, erklärt Dr. Ingrid Peroz, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie.

Eine Überprüfung ist nicht nur dann angezeigt, wenn ein Patient Beschwerden hat, sondern zum Beispiel auch bei der Planung von kieferorthopädischen Behandlungen oder im Vorfeld einer prothetischen Versorgung des Gebisses.

Klinische Funktionsdiagnostik

Am Anfang steht die klinische Funktionsdiagnostik. Hinter den Fachbegriffen Inspektion, Palpation und Auskultation steckt dabei sozusagen die „Handarbeit“ der Experten: Es wird geschaut, getastet und gehorcht, um zu sehen, wie die verschiedenen Anteile im Bereich des Kiefers miteinander harmonieren – oder eben auch nicht. Wenn es irgendwo „hakt“, kann das zum Beispiel zu sprunghaften Bewegungen im Gelenk oder zu Geräuschen wie Knacken oder Reiben führen. Fehlbelastungen oder auch Fehlbisse belasten die Muskeln und können Schmerzen und andere Probleme nach sich ziehen.

Instrumentelle Funktionsdiagnostik

Zur weiteren Abklärung dient gegebenenfalls die instrumentelle Funktionsdiagnostik, bei der – wie der Name schon sagt – Instrumente zum Einsatz kommen. Der Kiefer wird sozusagen ausgemessen und mit Hilfe verschiedener Geräte werden die Bewegungsabläufe registriert. Das funktioniert zum Beispiel elektronisch oder per Ultraschall. Modelle des Kiefers können dann in einen Simulator eingesetzt werden, um genau zu überprüfen, wo eventuell Probleme liegen und wie sie behoben werden können.

Zudem stehen den Experten bildgebende Verfahren zur Verfügung. Eine Röntgenaufnahme gehört oft schon zu einer klinischen Funktionsdiagnostik, sagt Dr. Peroz, weil damit auch zahnbezogene Probleme sichtbar gemacht werden können. Je nachdem, ob man die Ursache der Beschwerden eher im Bereich der Weichteile vermutet oder knöcherne Strukturen abgebildet werden sollen, kommen die Magnetresonanztomographie (MRT) oder die Digitale Volumentomographie (DVT) – ein spezielles Röntgenverfahren, das einen dreidimensionalen Blick ermöglicht – zum Einsatz.

Oft ist bereits die Selbsthilfe erfolgreich

Die häufigste Diagnose ist laut Dr. Peroz eine muskulär bedingte Schmerzsymptomatik, also eine Fehlbelastung beziehungsweise Überlastung einzelner Muskeln im Kiefer. Dabei können bereits Selbsthilfemaßnahmen – vor allem Entspannungstechniken – helfen, die Symptome zu lindern. Häufig sind Knackphänomene, zum Teil mit einer Verlagerung des Gelenkknöchelchens. Viele Menschen leiden auch unter Arthrose in den Kiefergelenken. Grundsätzlich gilt: Je früher ein Problem erkannt wird, desto besser lässt es sich auch behandeln.

Teil der Funktionsdiagnostik ist nach Auskunft von Dr. Peroz ein Fragebogen, der auch psychologische Aspekte beinhaltet. Psychische Belastungen, Angsterkrankungen oder Depressionen können nämlich ebenfalls zu einer erhöhten Anspannung im Bereich der Muskulatur und darüber zu körperlichen Beschwerden führen.