Das Unbewusste kennt keine Zeit

Im Alter bröckelt die „seelische Betondecke“, die viele Traumatisierte über ihre Gefühle gelegt haben. (Foto: canonboy / Fotolia)
Im Alter bröckelt die „seelische Betondecke“, die viele Traumatisierte über ihre Gefühle gelegt haben. (Foto: canonboy / Fotolia)

Viele traumatisierte „Kriegskinder“ erleben erst im hohen Alter die Rückkehr des Verdrängten

(dbp/auh) Kriegskinder, so werden die Deutschen der Jahrgänge 1929 bis 1947 genannt, die entweder den Zweiten Weltkrieg oder seine Folgen direkt erlebt haben. Nach Schätzungen des Psychoanalytikers Professor Hartmut Radebold sind etwa 30 Prozent dieser Menschen traumatisiert. Drei bis fünf Prozent leiden unter einer ausgeprägten Posttraumatischen Belastungsstörung.

Radebold wurde 1935 in Berlin geboren, gehört also selbst zu den Kriegskindern. In zahlreichen Interviews hat er über seine Erlebnisse berichtet, die in vieler Hinsicht typisch sind für seine Generation: Bombenkrieg, Evakuierung, Flucht bei Eiseskälte, Hunger, das Mitansehen von Exekutionen, Hungertod und Vergewaltigung, der Verlust des Vaters. Und wie die allermeisten seiner Altersgenossen hat er das Erlebte weggesperrt, abgekapselt, in sich verschlossen.

Erst Jahrzehnte später, während seiner beruflichen Tätigkeit als Psychoanalytiker, bahnte sich das Vergangene einen Weg in Form einer Depression. „Da habe ich begriffen, dass ich auch eines dieser Kriegskinder bin. Erst dann konnte ich die Angst, Verzweiflung, Panik, Hoffnungslosigkeit meiner Patienten deuten“, sagte Radebold in einem Spiegel-Interview im Jahr 2005.

Psychotherapie ist auch im hohen Alter möglich

Radebold wurde der Begründer der Alterspsychotherapie in Deutschland. Er räumte mit der auf Sigmund Freud zurückgehenden Lehrmeinung auf, dass ältere Menschen nicht mehr „therapierbar“ seien. Dennoch gibt es auch heute noch erhebliche Defizite bei der psychotherapeutischen Versorgung von älteren Menschen. Dafür gibt es viele, auch gesundheitspolitische Gründe.

Außerdem besteht in der älteren Generation eine weit verbreitete Skepsis gegenüber der Behandlung psychischer Probleme. Ihnen wurde – oft von den ebenfalls traumatisierten Eltern – beigebracht, dass man über Gewalterfahrungen nicht spricht. In dem erwähnten Spiegel-Interview nennt Radebold ein Beispiel aus seiner Praxis: Er hatte eine Patientin, die mit 14 Jahren mehrfach vergewaltigt wurde. Sie kam blutend zu ihrer Mutter, und die sagte: „Stell dich nicht so an, das geht uns doch jetzt allen so.“

Die Gefühle werden nicht dement

Traumatische Erlebnisse können noch nach vielen Jahren wieder so lebendig werden, als seien sie soeben passiert, denn „das Unbewusste kennt keine Zeit“, so Freud. Bei vielen Traumatisierten kommt das Verdrängte erst im hohen Alter wieder zum Vorschein, zum Beispiel in Form von Albträumen. „Das Älterwerden schwächt unsere „seelische Betondecke“, unter der wir diese Gefühle begraben haben“, erläutert Radebold.

Eine Demenzerkrankung führt mit großer Wahrscheinlichkeit zu der Reaktivierung des Traumas. Denn Demenz ist eine Krankheit, die den Intellekt und das Gedächtnis verändert, nicht aber die Gefühle. „Alles, was an abgewehrten, bedrohlichen, beunruhigenden Gefühlen und Ängsten von damals da ist und was man lebenslang unter Kontrolle gehalten hat, kann aufbrechen“, beschreibt Radebold.

Die Kölner Heilpädagogin Inka Wilhelm rät: Wer in der Pflege oder Betreuung von „Kriegskindern“ tätig ist, sollte das Thema Traumatisierung als eine mögliche Erklärung für das Verhalten von pflegebedürftigen Menschen im Kopf haben.

Weiterführende Informationen finden Sie in folgenden Publikationen:

  • Sonderheft „Kriegskinder“ der Zeitschrift BAGSO-Nachrichten, 4/2012, www.bagso.de
  • Hartmut Radebold: Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit. Hilfen für Kriegskinder im Alter. Klett-Cotta: Stuttgart 2009
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Quellenangaben:
Inka Wilhelm: „Eine nie vergessene Geschichte“, Diplomarbeit im Fach Erziehungswissenschaften, Köln 2010; Inka Wilhelm: „Unsichtbare Wunden? Die Pflege von WK II-Traumatisierten mit einer Demenz“, zit. n.: https://www.franz-hitze-haus.de/fileadmin/redakteure/2014/tagungsrueckblick/13-424_Kriegstraumatisierung_und_Demenzpflege.pdf; Die Welt vom 02.10.2013: „Der Zweite Weltkrieg tobt in deutschen Altenheimen“, www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article120568707/Der-Zweite-Weltkrieg-tobt-in-deutschen-Altenheimen.html; PM der Uni Leipzig vom Juli 2011: Krank durch Spätfolgen des Zweiten Weltkriegs; Sonderheft Kriegskinder der BAGSO-Nachrichten 04/2012; Ärzteblatt vom 11.07.2011, www.aerzteblatt.de/nachrichten/46700/Kriegserlebnisse-belasten-viele-ueber-60-Jaehrige; www.aerzteblatt.de/archiv/127248/Psychotherapie-aelterer-Menschen-Vorbehalte-in-den-Koepfen; Ilse Schlingensiepen: Kriegstrauma wird zum Problem, in: Ärztezeitung vom 24.07.2014, www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/pflege/article/864860/pflege-kriegstrauma-problem.html; Jörg Matzen: Interview mit Professor Dr. Hartmut Radebold, in:Evangelisches Bildungszentrum Bad Bederkesa (2010), www.ev-bildungszentrum.de/index.php?article_id=45; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-40171775.html; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-91675533.html; Vortrag von Professor Dr. Hartmut Radebold: „Die Folgen des 2. Weltkrieges für die Familien heute", beim , beim XII. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V. (DGGPP) am 05.03.2015 in Essen; abgerufen im Juni 2015