Das stumme Leiden

Mitunter kann nur speziell geschultes Personal erkennen, ob ein demenzkranker Mensch eine Schmerztherapie benötigt. (Foto: Alexander Raths / Fotolia)
Mitunter kann nur speziell geschultes Personal erkennen, ob ein demenzkranker Mensch eine Schmerztherapie benötigt. (Foto: Alexander Raths / Fotolia)

Erschwerte Bedingungen für die Schmerztherapie bei Menschen mit einer Demenzerkrankung

(dbp/wgt) Schmerzen und Demenz zählen zu den Risiken des Alters. Etwa 35,6 Millionen Menschen leiden weltweit an Demenz, allein in Deutschland sind mehr als 1,4 Millionen betroffen. Doch viele von ihnen erhalten bei Schmerzen keine ausreichende Behandlung. Das geht aus neueren Studien in Deutschland und Frankreich hervor. Einen wichtigen Grund dafür sehen Experten in der erschwerten Schmerzerkennung bei Demenzpatienten. Denn mit dem Nachlassen der geistigen Fähigkeiten sind ältere Menschen zunehmend weniger in der Lage, ihre Schmerzen mitzuteilen.

So fanden französische Forscher bei ihrer Untersuchung in 175 Pflegeeinrichtungen heraus, dass 42,3 Prozent der demenzkranken Heimbewohner ein Schmerzmittel erhielten, bei ihren Mitbewohnern ohne Demenz lag der Anteil mit 52 Prozent dagegen deutlich höher. Selbst von den 674 Demenzpatienten, die über Schmerzen klagten, wurden lediglich zwei Drittel mit einem Schmerzmittel behandelt.

Psychopharmaka statt Schmerzmittel

Doch offensichtlich tragen nicht nur die Probleme der Demenzpatienten, ihre Schmerzen zu artikulieren, zu der Unterversorgung mit geeigneten Medikamenten bei. Wie die Untersuchung zeigt, kannte das Pflegepersonal die Klagen der Patienten durchaus. Offenbar seien viele Pflegekräfte aber noch immer der Ansicht, Schmerzen gehörten zum Alter dazu, vermuten die französischen Forscher.

Die Deutsche Seniorenliga weist außerdem auf das weit verbreitete Vorurteil hin, „demenziell erkrankte Menschen hätten weniger Schmerzen“. Viele Verhaltensauffälligkeiten, die durch Schmerzen verursacht sein können, werden deshalb nicht als solche erkannt und stattdessen mit Beruhigungsmitteln behandelt. Dazu zählen aggressives Verhalten, starke Unruhe, Jammern, Weinen, Schlafstörungen oder Nahrungsverweigerung.

Typisches Verhalten bei Schmerz erkennen

Patienten mit schwerer Demenz, die ihre Schmerzen nicht mehr angemessen äußern können, sind mithin besonders auf die Beobachtungsgabe von geschulten Pflegekräften und Familienmitgliedern angewiesen, betont die Deutsche Seniorenliga. Ärzten, Therapeuten und Pflegepersonal stehen außerdem spezielle Beobachtungsinstrumente in Form von Schmerzskalen zur Verfügung, die dazu beitragen können, die Aufmerksamkeit für Schmerzen zu schärfen. Ziel dieser Beobachtungsskalen ist es, die für Schmerzen typischen Verhaltensweisen zu erfassen und sie von anderen Verhaltensauffälligkeiten zu unterscheiden. In Deutschland kommen im Wesentlichen drei Beobachtungsinstrumente zum Einsatz: die BESD-Skala, die BISAD-Skala und die Doloplus-2-Skala. Sie alle erfassen körperliche Verhaltenskriterien, die auf Schmerzen hinweisen.

Mehr Lebensqualität durch ganzheitliche Therapie

Sind die Ursachen der Schmerzen ausgemacht, dann unterscheidet sich die Therapie bei Menschen mit Demenz nicht wesentlich von der Behandlung anderer Schmerzpatienten. Im Vordergrund einer ganzheitlichen Behandlung steht die Verbesserung der Lebensqualität. Dazu gehört neben der medikamentösen gegebenenfalls auch die chirurgische Behandlung eindeutig diagnostizierter Schmerzursachen. Eine zentrale Rolle spielt die Mobilisierung der Patienten. Dazu eignen sich besonders Bewegungsübungen, Ergo- und Physiotherapie sowie Massagen. Da chronische Schmerzen häufig zu Depressionen, Schlafstörungen und eingeschränkten sozialen Kontakte führen, kommt auch der psychologischen Betreuung der Demenzkranken eine große Bedeutung zu.

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Deutsche Seniorenliga (2011): Alzheimerpatienten drücken Schmerzen durch Körpersprache aus, www.deutsche-seniorenliga.de/aktuelles/presse-archiv/115-alzheimerpatienten-druecken-schmerzen-durch-koerpersprache-aus.html; Deutsche Seniorenliga (2013): Schmerzen erkennen bei Demenz. Broschüre; Landendörfer, Peter/Hesselbarth, Sabine (2003): Schmerz-Beurteilung bei „sprachlosen“ Patienten. In: Der Allgemeinarzt. H. 10, www.volkssolidaritaet.de/cms/kap_media/Fachtagungen/2008_04_14/A4_Artikel_Schmerzbeurteilung_bei_sprachlosen_Menschen.pdf; Likar, Rudolf/Pinter, Georg (o.J.): Schmerzdiagnostik und -therapie bei älteren und kognitiv beeinträchtigten Patienten, www.oesg.at/fileadmin/schmerzgesellschaft/pdf/Folder/Schmerzdiagnostik.pdf; outo Barreto, Philipe de/Lapeyre-Mestre, Maryse/Vellas, Bruno/Rolland, Yves (2013): Potential underuse of analgesics for recognized pain in nursing home residents with dementia: A cross-sectional study. In: Paine. Journal of the International Assoziation for the Study of Pain, www.painjournalonline.com/article/S0304-3959%2813%2900385-0/abstract; alle Informationen abgerufen im April 2014