Das kleine Stückchen Haut

Kinderärzte lehnen chirurgische Eingriffe bei gesunden Kindern ab. (Foto: Stefan Gräf / Fotolia)
Kinderärzte lehnen chirurgische Eingriffe bei gesunden Kindern ab. (Foto: Stefan Gräf / Fotolia)

Kinderärzte: Beschneidung ohne medizinische Indikation ist eine Form von Körperverletzung

(dbp/mhk) Die religiös motivierte Beschneidung bleibt nach dem schnellen Gesetzgebungsverfahren des Deutschen Bundestages im Dezember 2012 legal. Die neue Regelung im § 1631 d des Bürgerlichen Gesetzbuches besagt, dass Beschneidungen von Jungen im Kleinkindalter zulässig sein sollen, wenn die Eingriffe nach „den Regeln ärztlicher Kunst“ erfolgen. Es gibt Befürworter und Gegner. Eltern und auch viele Ärzte sind nach wie vor verunsichert.

Der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Dr. Wolfram Hartmann, hat dazu eindeutig Stellung bezogen: Er stellt das Kindeswohl und das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit an die erste Stelle – vor Glaubensfreiheit und Elternrecht. Er ist gegen die Beschneidung aus religiösen Motiven. Befürwortern der Beschneidung wirft er vor, diese schmerzhafte Prozedur zu bagatellisieren. Es sei eine Form der Körperverletzung.

„Medizinisch gesehen gibt es zudem keinen Nutzen, prophylaktisch die Vorhaut zu entfernen“, so Hartmann. Mitunter könne die Entfernung der Vorhaut, die „Zirkumzision“, sogar schwerwiegende Folgen haben. Zu den Risiken bei „unsachgemäß vorgenommener Beschneidung“ gehören nach Angaben von Dr. Ulrich Fegeler, Bundespressesprecher des BVKJ: Verletzung der Eichel, entzündliche Prozesse, Nachblutungen, chirurgische Nachoperationen sowie Narbenbildung mit der Folge einer (erneuten) Vorhautverengung.

Beschneidung ohne Indikation ist „absurd“

Wird die Operation unter örtlicher Betäubung oder Vollnarkose von einem erfahrenen Chirurgen durchgeführt, sei sie generell unkompliziert. Aus medizinischen Gründen notwendig sei die Zirkumzision zum Beispiel bei einer narbigen, verwachsenen Vorhautverengung (Phimose) oder anderen Hautveränderungen. „Erwachsene sexuell aktive Männer profitieren dann sicher von einer Beschneidung, damit Geschlechtsverkehr wieder möglich ist“, so Fegeler. Kinder hingegen könnten darüber allerdings frühestens ab 14 Jahren entscheiden. Aus reiner Vorsorge bei Jungen einen solchen Eingriff vorzunehmen, hält Dr. Fegeler für absurd.

Weniger Ansteckungsgefahr durch weniger Haut?

Doch es gibt auch Befürworter der vorsorglichen Beschneidung, die gesundheitliche Vorteile sehen: ein niedrigeres Risiko für Harnwegsentzündungen, Peniskarzinom und sexuell übertragbare Krankheiten, darunter die Infektion mit dem Humanen Papillomavirus (HPV). Das Virus kann unter anderem Genitalwarzen verursachen, einige Hochrisiko-Virustypen sind sogar Auslöser für Gebärmutterhalskrebs. Die Reinigung des Penis soll nach einer Zirkumzision leichter fallen, da sich automatisch weniger Keime anlagern können. Dazu Dr. Fegeler: „Unbeschnittene Männer, die sich regelmäßig ordentlich reinigen, können für die gleichen sauberen Bedingungen sorgen wie beschnittene.“ Tägliche Hygiene und Kondome zum Schutz seien zudem eindeutig sicherer und wirkungsvoller.

Die Vorhaut ist nicht überflüssig

Die Vorhaut ist ein Teil des Hautorgans und erfüllt wichtige Funktionen im Bereich des männlichen Geschlechtsorgans. So ist sie bei Jungen noch mehr oder minder stark mit der Eichel verwachsen und schützt sie vor Schadstoffen, Reibung, Austrocknung und Verletzungen. „Sie hat sogar eine antibakterielle und antivirale Wirkung“, erläutert Fegeler. Die Spitze der Vorhaut wird durch wichtige Gefäßstrukturen reichhaltig mit Blut versorgt. Und dient als Verbindungskanal für zahlreiche bedeutende Venen.

Die Entfernung ist dauerhaft und kann das weitere Leben Betroffener erheblich benachteiligen, sogar zur erektilen Dysfunktion beitragen, indem sie diese Blutleitungen zerstören kann. Für Kinder ist sie zudem sicherlich traumatisch, da sind sich beide Experten einig.

2 Kommentare zu "Das kleine Stückchen Haut"

  1. Ulf Dunkel sagte am :

    Sehr guter Artikel. Nur eine Anmerkung:

    Im Artikel wird leider nicht darauf eingegangen, dass § 1631 d BGB nur eine Absichtserklärung für die Ausführung nach „den Regeln ärztlicher Kunst“ verlangt, nicht aber einen Nachweis. Es ist eine Soll-Regelung. Das ist ein himmelweiter Unterschied, weil so die Haftung für Schäden quasi ausgeschlossen ist.

  2. Andrea Ulrich sagte am :

    Sehr geehrter Herr Dunkel, vielen Dank für Ihren Kommentar. Auch könnte man noch hinzufügen, dass die Formulierung „nach den Regeln der ärztlichen Kunst“ NICHT bedeutet, dass das ein Arzt machen MUSS.

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