Clusterkopfschmerz ist unerträglich und unheilbar

Clusterkopfschmerz ist derart heftig, dass manche Patienten während einer Attacke lieber sterben möchten. (Foto: Mapoliphoto / Fotolia)
Clusterkopfschmerz ist derart heftig, dass manche Patienten während einer Attacke lieber sterben möchten. (Foto: Mapoliphoto / Fotolia)

Schmerzmittel sind bei den heftigen Attacken völlig wirkungslos

(dbp/mhk) Extrem stechend, bohrend wie ein Pfeil oder wie ein Messer, das von hinten ins Auge stößt – Clusterkopfschmerz ist unerträglich. Cluster bedeutet „Haufen“: „Die gehäuft und periodisch auftretenden Qualen können sich bis zu sechs oder acht Wochen hinziehen, bis zu acht Mal am Tag, klingen dann ab, um irgendwann erneut zu beginnen“, erklärt der Schmerzexperte Prof. Dr. Dipl.-Psych. Hartmut Göbel, Chefarzt der neurologisch-verhaltensmedizinischen Schmerzklinik Kiel. In der übrigen Zeit sind die Patienten beschwerdefrei.

Nur eine Gesichtshälfte ist betroffen

Die Schmerzschübe (Cluster) können bis zu drei Stunden andauern, meist zu festen Tageszeiten. Sie treten nur einseitig auf einer Gesichtshälfte auf: hinter, über oder neben dem Auge, genauer gesagt im Hirnstamm und in den Blutgefäßen des Sinus cavernosus, des dichten Venengeflechts hinter dem Augapfel.

Die Attacken sind immer extrem heftig und das Leiden steht den Betroffenen ins Gesicht geschrieben: das Auge der betroffenen Gesichtshälfte rötet sich und tränt, das Lid fällt, die Nase läuft oder verstopft, Schweiß auf Stirn und Nase bricht aus, Schwindel und Übelkeit folgen. Was folgt, ist rasende Unruhe. Im Gegensatz zur längeren Migräneattacke, die nach Dunkelheit und Ruhe verlangt, können Betroffene nicht mehr still sitzen. Die Attacken treten spontan oder getriggert durch Alkohol, Nitro-Präparate (bestimmte Herzmittel) oder Aufenthalt in großer Höhe auf. Riskant ist daher dünne Luft, wie beim Wandern im Hochgebirge oder beim Fliegen.

Drei Viertel der Patienten sind Männer

„Viele Patienten berichten sogar, dass sie in einer unbehandelten Attacke schon an Selbstmord gedacht haben“, berichtet Dr. Stefanie Förderreuther, Generalsekretärin und Pressesprecherin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG). „Daher ist es so wichtig, die Attacken gezielt zu behandeln. Normale Schmerzmittel helfen beim Clusterkopfschmerz nicht.“ Von dieser unheilbaren Krankheit sind nach einer epidemiologischen Studie der DMKG etwa 0,1 Prozent der Deutschen betroffen, davon rund drei Viertel Männer.

Zur Behandlung die Attacken könne entweder Sauerstoff oder ein schnell wirksames, das heißt subkutan oder nasal appliziertes Sumatriptan eingesetzt werden. Für die prophylaktische Behandlung gibt es ebenfalls verschiedene Substanzen, die eingesetzt werden können. Die DMKG empfiehlt zum Beispiel Verapamil oder Topiramat.

„Übliche Opioid- und Nicht-Opioid-Analgetika sind in der Therapie der akuten Clusterattacke wirkungslos“, erklärt Prof. Göbel. Akupunktur, Entspannungstechniken, Biofeedback oder Verhaltenstherapie helfen ebenfalls nicht, denn der Clusterkopfschmerz hat rein körperliche Ursachen, so der Schmerzexperte.

Experimentelles Verfahren

Strom, die sogenannte okzipitale Nervenstimulation (ONS) ist eine weitere Therapieoption, so die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGN). Dabei werden zwei kleine Elektroden in den Nacken eingesetzt, direkt unter die Haut. Die Patienten bekommen dazu eine nur Scheckkarten große Fernbedienung, mit dem sie die Stromstöße nach Bedarf an- und ausschalten können. Laut DMKG und Prof. Göbel ist die ONS jedoch noch ein experimentelles Verfahren, das ausschließlich bei Patienten eingesetzt wird, die nicht durch die „normale“ Therapie ausreichend gut behandelt werden können.

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Delphine Magis, Rigmor Jensen, and Jean Schoenen: “Neurostimulation therapies for primary headache disorders: present and future” Current Opinion in Neurology: June 2012 - Volume 25 - Issue 3 ; http://www.navigator-medizin.de/kopfschmerzen/grundlagenwissen/cluster-kopfschmerz-bing-horton-neuralgie/therapie-des-cluster-kopfschmerzes.html; PM des Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF “ DGKN: Strom hilft bei Clusterkopfschmerz und schwerer Migräne“ idw 02.07.2012; Migräne Liga e. V., Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG); Experteninterviews mit Prof. Dr.med. Dipl.Psych. Hartmut Göbel, Facharzt für Neurologie, Spezielle Schmerztherapie, Psychotherapie, Diplom-Psychologe, Kiel und mit Dr. Stefanie Förderreuther, Generalsekretärin und Pressesprecherin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), geführt im Juli/August 2012

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