Biografiearbeit kann Türen öffnen

Ein Fotoalbum weckt Erinnerungen. Bei Demenzkranken kann es Pflegenden helfen, mehr über deren Biografie herauszufinden. (Foto: Bilderbox)
Ein Fotoalbum weckt Erinnerungen. Bei Demenzkranken kann es Pflegenden helfen, mehr über deren Biografie herauszufinden. (Foto: Bilderbox)

Wer Demenzkranke pflegt, sollte ihre Vergangenheit kennen

(dbp/spo) Der eine spricht gerne über die Nachbarn, der andere lieber über Philosophie. Die eine hat ihr Leben als fürsorgliche Mutter von fünf Kindern verbracht, die andere ist als Dolmetscherin rund um die Welt gereist. Nach dem Umzug in ein Pflegeheim gelten für alle ähnliche Alltagsstrukturen. Trotzdem muss für eine gute Pflege die individuelle Biografie berücksichtigt werden – das gilt vor allem bei Menschen mit Demenz, sagt Diplom-Pflegewirtin Charlotte Berendonk.

Die Biografiearbeit in der Pflege ist Berendonks Forschungsthema am Netzwerk Alternsforschung der Heidelberger Universität. Bei Demenz sei sie so wichtig, weil sich für die Betroffenen oft vergangene Ereignisse und die aktuelle Situation vermischen. So entstehen Verhaltensweisen, die ohne Wissen über die Vergangenheit von den Pflegenden oft nicht verstanden werden.

Gewohnheiten berücksichtigen

Gleichzeitig öffne das Wissen über die Biografie Türen. Charlotte Berendonk berichtet von einem Beispiel aus einem ihrer zahlreichen Interviews mit Pflegenden zum Thema Biografiearbeit: Eine ältere Frau weigerte sich partout zu trinken. Die Pflegenden versuchten immer wieder, sie dazu zu animieren. Die Dame hatte früher als Englisch-Dolmetscherin gearbeitet. Eines Tages fragte eine Pflegerin auf englisch: „Do you want to drink tea?“ („Wollen Sie Tee trinken?“). Und die Dame willigte sofort ein – ebenfalls auf englisch. „Es ist wichtig, im Pflegealltag ein Stück weit kreativ vorzugehen und bestimmte Gewohnheiten gezielt zu berücksichtigen“, sagt die Pflegeexpertin.

Um persönliche Interessen oder Abneigungen beachten zu können, müssen professionell Pflegende diese Informationen jedoch erst einmal bekommen. Ein einfaches Abfragen des Lebenslaufs reicht nach Ansicht der Wissenschaftlerin dafür nicht aus, denn Biografie ist nicht gleich Lebenslauf. Der Lebenslauf zählt einfach nur die Stationen des Lebens auf. „Die Biografie aber ist die subjektive Darstellung des eigenen Lebens. Man kann schließlich auch an schwere Zeiten positive Erinnerungen haben.“

Biografien verändern sich

Und: Die Biografie ist nicht in Stein gemeißelt, Meinungen und Gewohnheiten verändern sich. „Deshalb ist es wichtig, die Person selbst zu Wort kommen zu lassen“, sagt Charlotte Berendonk. Und auch wenn die Angehörigen andere Dinge berichten: „Eine wahre Biografie gibt es nicht, es können immer wieder kleine Veränderungen auftreten. Auch wir verändern uns, es werden immer wieder andere Dinge wichtig.“

Biografiearbeit ist für Pflegende deshalb nie abgeschlossen. Sie bedeutet, immer wieder gezielte Gespräche über die Erinnerung zu führen und das Wissen darüber im passenden Moment einzusetzen. Letztlich hilft das auch den Patienten: „Bei Menschen mit Demenz ist das autobiografische Gedächtnis beeinträchtigt. Sie können sich immer schwerer verbal darüber mitteilen. Sie brauchen unsere Hilfe, um sich zu erinnern, für den Erhalt ihrer Identität“, sagt Charlotte Berendonk. Und auch, wenn Erinnerungen verblassen: „Die Bindungen zu bedeutsamen Themen bleiben bei Menschen lange erhalten.“