Ayurveda ist viel mehr als Wellness

Bekannter als die ayurvedische Medizin sind hierzulande die Wellness-Anwendungen wie der Stirnölguss. Er beruhigt das gesamte vegetative Nervensystem, harmonisiert und gleicht aus. (Foto: Kzenon / Fotolia)
Bekannter als die ayurvedische Medizin sind hierzulande die Wellness-Anwendungen wie der Stirnölguss. Er beruhigt das gesamte vegetative Nervensystem, harmonisiert und gleicht aus. (Foto: Kzenon / Fotolia)

Das „Wissen vom Leben“ ist eine anerkannte komplementärmedizinische Methode

(dbp/mhk) Ayurveda hat mehr zu bieten als nur entspannende Massagen, Yoga, Stirn-Ölgüsse und exotische Küche. Ayurveda bedeutet übersetzt „das Wissen vom Leben” und bezeichnet die Traditionelle Indische Medizin (TIM). Ayurveda wird in Südasien seit mehr als 2.000 Jahren auf breiter Basis als Volksmedizin praktiziert und ist damit eine der weltweit ältesten Gesundheitslehren.

Die spirituell-esoterische „Wellness“-Note, die ihr hierzulande anhaftet, hat die Lehre zu Unrecht, findet der Internist Dr. Christian Kessler. „Sie ist hochmodern und im besten Sinne von Prävention und Gesundheitsförderung für alle effektiv nutzbar“, sagt der Leiter der Arbeitsgruppe für Forschung der Deutschen Ärztegesellschaft für Ayurveda-Medizin (DÄGAM).

Ayurveda und Schulmedizin: in Indien gleichwertig

Die Ayurveda-Medizin ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als medizinische Wissenschaft anerkannt. Allein in Indien sind laut WHO mittlerweile mehr als 400.000 ayurvedische Ärzte offiziell registriert, an weit über 200 staatlich anerkannten Universitäten und Fachhochschulen wird die ayurvedische Medizin systematisch gelehrt und praktiziert. Ayurveda ist in Indien, Sri Lanka und Nepal der „Schulmedizin“ gesetzlich gleichgestellt. In Indien gibt es seit November 2014 sogar zusätzlich zum Gesundheitsministerium ein eigenes Ministerium für Ayurveda und Yoga (AYUSH).

Ayurveda-Medizin ist einer der große Komplementärmedizin-Trends der Zukunft“, so Dr. Kessler, „ihre Herangehensweise ist nicht besser als die der Schulmedizin, nur anders.“ Vereinfacht dargestellt wirken nach der Ayurveda-Lehre in jedem Menschen drei Funktionsprinzipien, die „Doshas“: Vata (Bewegungsprinzip), Pitta (Stoffwechselprinzip) und Kapha (Aufbau- und Speicherprinzip). Sie sind jeweils für verschiedene Funktionen im Körper-Geist-System zuständig und sollten sich im individuellen Gleichgewicht befinden. Kommt es zu einem Ungleichgewicht, sind also einzelne Doshas zu stark oder schwach ausgeprägt, ist diese individuelle Balance gestört und man wird krank.

Individuell maßgeschneiderte Therapie

Ayurveda hilft nicht nur mit Massagen, Güssen, Bewegungstherapien, Dampfbädern, Ernährungsberatung und -ergänzung, Lebensstilberatung, Yogaübungen und Ausleitungsverfahren, sondern auch mit pflanzlichen Medikamenten“, erklärt Dr. Kessler. „Ayurveda ist immer maßgeschneidert, abgestimmt auf den jeweiligen Patienten.“ Dabei werden Selbstheilungskräfte und Selbstfürsorge als „therapeutische Partner“ in die Heilungsprozesse aktiv mit einbezogen.

Wirksam bei chronischen Krankheiten

„Bei akuten Erkrankungen oder Infektionskrankheiten ist die Schulmedizin oft unschlagbar“, sagt der Mediziner. Die Stärke des Ayurveda hierzulande liege vielmehr in der unterstützenden Behandlung chronischer Krankheiten wie etwa Bluthochdruck, Asthma, Rheuma oder Diabetes, betont der Wissenschaftler. „Diese Krankheiten lassen sich gut durch einen gesunden, persönlichen Lebensstil und damit durch Ayurveda positiv beeinflussen.“

Eine gleichzeitige schulmedizinische Behandlung mit Medikamenten schließe das jedoch keinesfalls aus, oft sei sie sogar unverzichtbar. „Ayurveda behandelt nicht Diagnosen, sondern Milieus“. Ayurveda kann auf diese Weise bei Muskel- und Gelenkerkrankungen helfen sowie bei Stoffwechselerkrankungen, vegetativen und stressbedingten Erkrankungen, wie zum Beispiel Schlafstörungen, Burnout- und Erschöpfungssyndrom, Spannungskopfschmerzen, aber auch bei ernährungsbedingten Erkrankungen.

„Da es in Europa noch einen ziemlichen Wildwuchs und große Qualitätsunterschiede in der Ayurveda-Therapie gibt, sollten sich Patienten bei Krankheiten oder Beschwerden grundsätzlich erst von einem ärztlichen Experten untersuchen lassen“, rät Dr. Kessler. Mediziner, die in der Deutschen Ärztegesellschaft für Ayurveda-Medizin (DÄGAM) organisiert sind, haben neben ihrer Ayurveda-Ausbildung auch immer eine schulmedizinische Ausbildung und können im Zweifel gut erkennen, wo die Grenzen von Ayurveda liegen.