Aphasie: Wenn plötzlich die Worte fehlen

Die logopädische Therapie einer Sprachstörung sollte so früh wie möglich beginnen. (Foto: Deutscher Bundesverband für Logopädie / J. Tepass)
Die logopädische Therapie einer Sprachstörung sollte so früh wie möglich beginnen. (Foto: Deutscher Bundesverband für Logopädie / J. Tepass)

Die Sprachtherapie nach einem Schlaganfall sollte so früh wie möglich beginnen

(dbp/wgt) Die Folgen eines Schlaganfalls sind oft gravierend und verändern das Leben der Betroffenen von einem Augenblick zum anderen. Die Rehabilitationsmedizin verfügt heute jedoch über moderne Therapieverfahren, die es vielen Schlaganfallpatienten ermöglichen, wieder ein weitgehend selbstständiges Leben zu führen. Ganz entscheidend für den Heilungserfolg ist allerdings, dass die Therapie sofort nach dem Schlaganfall beginnt.

Das gilt auch für die Behandlung der Aphasie. Die Sprachstörung tritt besonders dann auf, wenn der Schlaganfall die linke Gehirnhälfte schädigt. Knapp ein Drittel aller Patienten leidet nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) unmittelbar nach einem erstmaligen Schlaganfall an einer Aphasie. Allein in Deutschland erkranken jährlich zwischen 20.000 und 40.000 Personen neu. Bei rund 80 Prozent der Sprachstörungen sind Schlaganfälle die Ursache.

Durch eine gezielte Sprachtherapie lassen sich verloren gegangene Funktionen wie Sprechen, Verstehen, Lesen oder Schreiben wieder weitgehend normalisieren. Das gilt nicht nur für Patienten mit leichten Sprachdefiziten. „Deutliche Erfolge sind auch bei schweren Formen der Aphasie möglich“, betont Norina Lauer, Professorin für Logopädie an der Hochschule Fresenius in Idstein.

Erste Diagnose noch in der Akutphase

Um die Heilungschancen zu verbessern, raten Experten, Schlaganfallpatienten noch während der Akutversorgung im Krankenhaus auf mögliche Sprachstörungen zu untersuchen. „Wir wollen gerade die frühe Phase der Spontanerholung nach einem Schlaganfall unterstützen“, so Professor Lauer. Erfahrene Logopäden und Sprachtherapeuten führen dazu geeignete Aphasietests durch, die es ermöglichen, auch leichte Störungen zu erkennen. Dabei wird zunächst ermittelt, ob der Patient Probleme mit der Wortfindung, der Grammatik, dem Sprachverständnis oder dem Lesen und Schreiben hat.

Sind die Symptome genau bestimmt, können die Ziele für eine individuell abgestimmte Sprachtherapie festgelegt werden. Zu den häufigsten Störungen nach einem Schlaganfall zählen Probleme bei der Wortfindung. Die Betroffenen können selbst einfache Dinge des Alltags nicht benennen, weil ihnen die passenden Wörter nicht mehr einfallen. In der Therapie lernen die Patienten dann mittels so genannter Wortabrufübungen, Gegenstände, die ihnen der Therapeut auf Fotokarten oder am Computer-Bildschirm zeigt, wieder korrekt zu bezeichnen. „Besonders wichtig ist es, dass der Patient sich exemplarisch die Dinge erarbeitet, die für ihn im Alltag relevant sind“, erläutert Lauer. Am Anfang leistet der Therapeut noch viele Hilfestellungen, etwa durch geeignete Gestik. Nach und nach mobilisieren die Patienten wieder eigene Ressourcen und benötigen zunehmend weniger Hilfen.

Intensität ist wichtig für den Therapieerfolg

Entscheidend für den Erfolg ist neben dem frühen Beginn der Sprachtherapie auch die Intensität der Behandlung, wie neuere Studien zeigen. Norina Lauer plädiert deshalb für eine tägliche Behandlung im ersten Jahr nach einem Schlaganfall: „Die Ärzte können bis zu fünf Therapieeinheiten pro Woche verschreiben, ohne dass es ihr Budget belastet.“ Vieles hängt jedoch auch von der Motivation des Patienten ab. „Je mehr die Betroffenen selber machen, umso besser“, weiß Lauer und empfiehlt, parallel zur Therapie täglich mindestens eine halbe Stunde zu Hause zu üben. Auf keinen Fall jedoch sollte die Trainingsintensität zu neuem Stress führen, warnt die erfahrene Logopädin, denn damit steige das Risiko für einen weiteren Schlaganfall.

  • Buchtipp: Uwe Keller: „Plötzlich sprachlos. Diagnose: Schlaganfall. Schritt für Schritt und Wort für Wort zurück ins aktive Leben“, Hartung-Gorre-Verlag Konstanz, 1. Auflage 2010