Angriff auf den Zuckerspiegel

Süßstoff gibt es pur oder auch zum Beispiel in Getränken, auf denen „zuckerfrei“ oder „kalorienreduziert“ steht. (Foto: Monika Wisniewska / Fotolia)
Süßstoff gibt es pur oder auch zum Beispiel in Getränken, auf denen „zuckerfrei“ oder „kalorienreduziert“ steht. (Foto: Monika Wisniewska / Fotolia)

Studie erhärtet den Verdacht, dass Süßstoffe das Diabetes-Risiko erhöhen können

(dbp/wgt) Genuss ohne Reue: Das verheißen Süßstoffe nicht nur Diabetikern, sondern auch all jenen, die mit Übergewicht zu kämpfen haben. In vielen Fertignahrungsmitteln und Getränken dienen Aspartam, Saccharin oder Cyclamat neben sieben weiteren in der EU zugelassenen Süßstoffen deshalb als kalorienarmer Ersatz für herkömmlichen Zucker. Doch jetzt stehen die synthetischen Süßstoffe in Verdacht, dass sie den Blutzuckerspiegel und damit auch das Diabetes-Risiko deutlich erhöhen können.

Das geht aus der Studie einer israelischen Forschergruppe um den Immunologen Eran Elinav vom Weizman Institute of Science in Rehovot hervor. Elinav und seine Kollegen untersuchten die Wirkung der drei häufig genutzten Süßstoffe Aspartam, Saccharin und Sucralose zunächst an Mäusen. Die Versuchstiere, die die Süßstoffe mit ihrem Trinkwasser erhielten, wiesen bereits nach wenigen Wochen im Glukosebelastungstest erheblich höhere Blutzuckerwerte auf als ihre Artgenossen aus der Vergleichsgruppe, die nur Wasser oder Zuckerwasser tranken. Der Glukosebelastungstest wird in der Praxis zur Früherkennung des Typ-2-Diabetes eingesetzt. Erhöhte Blutzuckerwerte im Test gelten als Hinweis auf ein mögliches Vorstadium von Diabetes.

Süßstoffe begünstigen Veränderung der Darmflora

Die Wissenschaftler führen den Anstieg des Blutzuckerspiegels nach dem Verzehr von Süßstoffen auf eine Veränderung der Darmflora zurück. „Die Süßstoffe begünstigen das Wachstum von Darmbakterien, die die Aufnahme von Zucker und möglicherweise auch von kurzkettigen Fettsäuren aus dem Darm steigern“, erläutert Professor Helmut Schatz, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. „Die regelmäßige Einnahme von Süßstoffen könnte deshalb die Nahrungsverwertung steigern.“ Damit steigt möglicherweise aber nicht nur das Risiko einer Diabetes-Erkrankung, auch die Fettpolster könnten eher wachsen, statt zu schrumpfen.

Um ihren Verdacht zu erhärten, dass die Darmbakterien eine wichtige Rolle bei der Wirkung von Süßstoffen spielen, behandelten die Forscher die Mäuse mit dem gestörten Stoffwechsel vier Wochen lang mit Antibiotika. Das Ergebnis bestätigte die Annahme der Wissenschaftler: Nach dem Antibiotika-Einsatz gegen die Bakterien normalisierte sich der Blutzuckerspiegel wieder. Schließlich übertrugen Eran Elinav und sein Team die veränderte Darmflora auf Mäuse, die keine Süßstoffe erhalten hatten. Prompt entwickelten auch die bis dahin unauffälligen Nager erhöhte Blutzuckerwerte.

Auch Testpersonen zeigen erhöhte Blutzuckerwerte

Doch lassen sich die Ergebnisse ohne Weiteres von Mäusen auf Menschen übertragen? Um das herauszufinden, untersuchten die Wissenschaftler sieben freiwillige Testpersonen, die eine Woche lang den von der US-Lebensmittelbehörde FDA empfohlenen Höchstwert Saccharin konsumierten. Bei vier Versuchsteilnehmern wurden, ähnlich wie bei den Mäusen, erhöhte Blutzuckerwerte und eine veränderte Darmflora festgestellt.

Weitere Anhaltspunkte für ihre Annahmen erhielten die Forscher aus den Daten von 381 Teilnehmern an einer ernährungsphysiologischen Studie, die nicht an Diabetes litten. Die Teilnehmer, die Süßstoffe verwendeten, brachten ein höheres Gewicht auf die Waage und wiesen höhere Werte im Nüchtern- sowie im Langzeitblutzucker HbA1c auf.

Die weit verbreitete Einschätzung, dass die synthetischen Süßstoffe als weitgehend unbedenklich gelten können, lässt sich nach Meinung von Professor Schatz angesichts der israelischen Studienergebnisse nicht länger aufrecht erhalten: „Übergewichtige Menschen, die mit Süßmitteln ihr Körpergewicht senken wollen, müssen wissen, dass sie nach den neuen Forschungsergebnissen damit möglicherweise ihr Diabetes-Risiko sogar erhöhen.“

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Quellenangaben:
Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (2014): Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie warnt vor Diät-Drinks & Co: Künstliche Süßstoffe könnten Diabetesrisiko erhöhen, www.endokrinologie.net/presse_140926.php; Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (2014): Süßstoffe könnten das Diabetesrisiko erhöhen, http://blog.endokrinologie.net/suessstoffe-diabetes-risiko-1411/; Suez, Jotham/Korem Tal/Zeevi, David/Zilberman-Schapira, Gili/Thaiss, Christoph A./Maza, Ori/Israeli, David/Zmora, Niv/Gilad, Shlomit/Weinberger, Adina/Kuperman, Yael/Harmelin, Alon/Kolodkin-Gal, Ilana/Shapiro, Hagit/Halpern, Zamir/Segal, Eran/Elinav, Eran (2014): Artificial sweeteners induce glucose intolerance by altering the gut microbiota. In: Natur. International weekly journal of science. H. 514, S. 181-186, www.nature.com/nature/journal/v514/n7521/full/nature13793.html; alle Informationen abgerufen im Oktober 2014